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Hoffnungslos
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am 19.03.2022 16:47:43 | IP (Hash): 1276400294
Hallo ihr Lieben,
ich bin 28 Jahre alt und habe 2 kleine Kinder. In meiner 1. SS wurde bei mir ein "Schwangerschaftsdiabetes" festgestellt. Schon damals waren die Ärzte verwundert, da ich mit 24 Jahren und schlanker Statur nicht in die Gruppe gehörte, die eigentlich einen solchen Schwangerschaftsdiabetes entwickelt. Ich hatte direkt einen eindeutigen Bedarf an schnell wirksamem und Langzeit Insulin. Was auch nicht typisch ist. Nach der Entbindung sagte man mir, da die Werte jetzt direkt besser seien, ich bräuchte mir keine Sorgen zu machen. Als ich dann nach 1 Jahr wieder schwanger war, hatte ich so ein deutliches Gefühl, mich untersuchen zu lassen. Nachdem bei meinem Hausarzt laut seiner Aussage ein "leicht erhöhter Langzeitwert von 6,9" raus kam, er mir aber sagte, das sei nicht weiter schlimm, ging ich auf eigene Faust zum Diabetologen und bat meine FA um Überweisung. Beim Zuckertest ging der Zucker dann auf 380 hoch. Die Arzthelferinnen waren erstaunt, tuschelten. Und nebenbei sagte man mit, Frau X, sie haben Diabetes. Für mich brach eine Welt zusammen. Ich war zu dem Zeitpunkt 26 Jahre alt. Aber ich wusste es irgendwie schon mein Leben lang, dass das kommen wird. Mein Vater hat auch Typ 1 und als Kind bestand schonmal der Verdacht bei mir. Da hatte ich einmalig einen extrem hohen Blutzucker, aber während einer ganzen Woche Krankenhaus mit Blutzucker Überwachung, hatte ich immer normale Werte. Jetzt zu meinem eigentlichen Problem: hätte ich gewusst, wirklich gewusst, Diabetes Typ 1 zu bekommen, hätte ich glaube ich kein 2. Kind mehr bekommen. Bei der Diagnose war ich schon schwanger. Ich habe das Gefühl, ich habe plötzlich eine unglaubliche Belastung erfahren. Kurz danach wurde ich 2fach Mama. Und seither bin ich maßlos belastet. Ich stelle mir immer vor, wie einfach mein Leben als Mama ohne Diabetes wäre. Ich fühle mich, als habe ich 3 Kinder (2 Kinder und den Diabetes). Ich glaube ich habe Depressionen entwickelt. Ich bin immer traurig und hoffnungslos. Denke ich habe kein Recht, zu leben. Dass ich ohne Insulin längst tot wäre. Dass ich mein 2. Kind nicht natürlich zur Welt gebracht habe, gibt mir den Rest. Ich bin unausstehlich zu meinem Partner und leider manchmal auch zu meinen Kindern. (Sind jetzt 1 Jahr und bald 3 Jahre). Ich glaube nicht, dass ich mein Leben lang dieses Diabetes Management durchzuführen kann. Ich glaube nicht, dass ich jemals wieder unbeschwert sein kann. Irgendwo hin fahren, feiern, was trinken, was essen. Einfach so. Das wird nie wieder möglich und das macht mich so fertig. Kennt ihr das? Gibt es jemanden, der aufgrund seiner Diagnose Depressionen entwickelt hat? Ich traue mich nicht wirklich, meinen Ärzten davon zu erzählen.
Danke fürs Zuhören!
Liebe Grüße Maja -
am 19.03.2022 17:20:38 | IP (Hash): 81480552
Liebe Maja,
Ja, ich kenne diese Gefühle sehr gut. Meine Diagnose ist Typ 2, seit 12.2021 also noch sehr frisch und ich bin seitdem fast rundum die Uhr mit dieser Diagnose beschäftigt. Dadurch dass ich in der Familie immer für’s kochen zuständig bin überlege ich jetzt noch mehr was allen schmeckt und was zusätzlich noch BZ-freundlich ist. Dann koche ich meistens für mich zusätzlich etwas (weil ansonsten schlechte Laune für die restlichen Familienmitgliedern vorprogrammiert ist…) Dann koche ich häufig noch ein 2. Mal weil ich mir kohlenhydratarmes Mittag-to-go für die Arbeit mitnehme. Außerdem habe ich angefangen selber Brot zu backen und auch Süßigkeiten wie Kuchen brauchen Zeit in der Herstellung. Ich muss sagen solange ich beim zubereiten / überlegen was koche ich bin, geht es mir gut und freue mich teils sogar wieviele neue Ideen mir schon gekommen sind in den letzten Monaten…. also praktisch dank der Diagnose.
Aber das Kontrastprogramm in meinem Kopf geht immer wieder los wenn ich entspannen könnte…. Ich habe so oft ein Schuldgefühl und setze mich unter Druck herauszufinden warum ICH diese Krankheit bekommen habe trotz gesunder Lebensstil. Auch setze ich mich unter Druck die Medikamente absetzten zu können / dürfen wenn ich nur streng genug auf meine Ernährung achte. Eine erbliche Vorbelastung gibt es auch bei mir, aber das weiß ich zwar, aber trotzdem setze ich mich unter Druck als hätte ich es vermeiden können.
Noch dazu belastet es mich extrem dass ich mich an meiner Arbeitsstelle nicht gut genug geschützt fühle durch viele Aussagen meiner Vorgesetzten, so dass ich da nicht offen mit der Diagnose rausgerückt bin. Ich weiß dass ich dazu nicht verpflichtet bin, aber das „nicht Reden“ belastet mich psychisch sehr.
Ich habe einige Freundinnen und auch mein Mann die mich unterstützen und geraten haben eine Reha zu beantragen. Das bespreche ich beim nächsten Arzttermin. Weil obwohl die BZ-Werte meist in Ordnung sind beherrscht das Thema auch meinem ganzen Alltag.
Also, liebe Maja, fühle dich gedrückt. Auch wenn‘s bei dir an anderer Stelle klemmt wie bei mir ist unser Auslöser der Gleiche und ich kann dich sehr gut verstehen!
LG von Mamamomi -
am 19.03.2022 20:26:30 | IP (Hash): 1276400294
Hallo Mamamomi,
vielen vielen Dank für deine Antwort! Das kann ich voll verstehen, dass man sich bei Typ 2 noch zusätzlich ständig den Druck macht, bestenfalls mit weniger oder keinen Medikamenten auszukommen und es noch viel schwieriger ist, mal "loszulassen". Und dass mit deiner Arbeitsstelle stelle ich mir auch extrem schwierig vor, wenn man sich da nicht verstanden und ernst genommen fühlt!
Drucker zurück :) -
am 19.03.2022 20:50:05 | IP (Hash): 81480552
Liebe Maja,
Kann dein Partner deine Kids eine Zeit lang betreuen so dass du Stationär gehen kannst bevor deine negativen Gedanken dich vollkommen im Griff haben und dich außer Gefecht setzen? Wenn du deinem Arzt vertraust dann spreche es doch mal an; dein Gedankenkarussell fährt sonnst immer weiter. Deine Kinder sind noch so klein und brauchen dich noch viele Jahre. Und die ersten Jahren sind mit die schönsten, gerade für dich als Mama (sage ich aus Erfahrung, meine sind schon fast erwachsen)
Fühle dich virtuell gedrückt :-))
Bearbeitet von User am 20.03.2022 08:17:06. Grund: Text geändert -
am 19.03.2022 23:00:33 | IP (Hash): 896522236
Hallo Maja,
da du hier geschrieben hast bist du dir wohl durchaus bewusst das du Hilfe brauchst.
Das Forum hier kann wirklich in vielem sehr sehr hilfreich sein aber bei Depressionen brauchst du dringend Hilfe vom Profi.
Das muss dir auch nicht peinlich sein oder unangenehm oder sowas. Das ist eine reale und ernsthafte Erkrankung. Zwei kleine Kinder sind schon mehr als genug Belastung und dann noch Diabetes dazu das ist schon eine gewaltige Hürde. wenn da du Hilfe brauchst um drüber zu kommen dann zögere nicht damit sie dir zu holen.
Gruß Tobias -
am 20.03.2022 13:33:00 | IP (Hash): 1912685884
Ich wünsche Dir einen konstruktiven Psychologen, der zusammen mit Dir entdeckt, wie Du Deine Lebensvorstellungen praktisch mit Gewinn um den Diabetes erweitern kannst. So einer hat mir gefehlt und so hab ich für den Weg dahin viel zu lange gebraucht und mir und meinen Umfeldern das Leben zeitweise unnötig schwer gemacht.
Von meinem ersten bewussten Tag damit hab ich nämlich die ersten 6-7 Jahre mit aller Kraft gegen diese doofe Krankheit gekämpft. Die würde immer schlimmer, hat mir der Dok gleich zu Anfang erklärt, auch wenn ich meinen BZ im behandlungsmäßig möglichst gesunden Bereich von HbA1c 7-8 halten würde. Und wenn die Tabletten nach 8-10 Jahren nicht mehr ausreichten, müsste ich dann Insulin spritzen und auch davon immer mehr. Spätestens dann würden auch die Folgekrankheiten einsetzen und … wo unsere Jüngste gerade auf’s Gymnasium gekommen war, hab ich ernsthaft befürchtet, mit etwas Pech ihren Start ins selbständige Erwachsenenleben schon nicht mehr zu erleben.
Mit dem Wechsel von Tabletten zu ICT in 98 war das letzte Abitur dann schon in absehbare Nähe gerückt, und ich hatte noch kein Anzeichen einer der berüchtigten Folgen.
Die doofe Krankheit war zwar immer noch mein erster Feind, aber an die Feindschaft hatte ich mich inzwischen gewöhnt. Sie schien mir nicht mehr so bedrohlich. Mit Insulin wurden die Hosen zwar enger, aber das wurde mir als normal erklärt. Schließlich konnte ich ja wieder alles essen und trotzdem nur HbA1c 7-8 halten.
Die folgende grundsätzliche Änderung verdanke ich einem damals sehr fortschrittlichen Typ 1 Arbeitskollegen, nachdem der zu ner Art Fortbildung gewesen war und gelernt hatte, seinen BZ im völlig gesund (nicht nur behandlungsmäßig) gesunden Rahmen von HbA1c unter 6 zu steuern. Warum ich das nicht auch machen wollte, hat er mich so lange immer wieder gefragt, bis er mich endlich so weit hatte und anleiten durfte.
Größte Umstellung: Ich musste lernen, mich nicht mehr am BZ vor dem Essen zu orientieren, sondern am Verlauf danach, und den mit der immer passenderen Abstimmung von Essen und Bewegen und Insulin immer mehr von 24 Stunden im gesunden Rahmen zu halten.
Mit unerwartet großem Erfolg: Mein durchschnittlicher alltäglicher Insulinbedarf verringerte sich um ein gutes Drittel. Und im Rückblick auf jetzt gut 30 Jahre war das die Zeit, seit der wir angefangen haben, konstruktiver zusammenzuarbeiten und wirklich miteinander zu leben, mein Diabetes und ich.
Denn mein Diabetes zeigt mir sehr zuverlässig und direkt, wenn die Abstimmung in unserem Verhalten nicht in unsere gesunde Spur passt oder und wenn äußere Einflüsse wie z.B. Stress oder ein beginnender Infekt o.ä. besonderen Ausgleich brauchen. Und mit den Jahren haben wir uns so aneinander gewöhnt und passend aufeinander eingestellt, dass die meisten BZ-Tests nur noch Bestätigungen dafür sind, dass wir alles für uns richtig gemacht haben :)
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Prädiabetes und Diabetes Typ 2 und die Diagnose-Grenzwerte sind willkürlich von den Fachgesellschaften für Diabetes definiert.1 Benutzer dankte für diesen Nützlichen Beitrag. -
am 20.03.2022 16:21:42 | IP (Hash): 1472859663
Jürgen! Respekt!
Das Beste was ich seit langen vor dir gelesen habe.
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Typ 2 - Medikation: Siofor 1x1000 - HbA1c: zZ 6,0 Stand 01/22 (ich arbeite weiter daran) -
am 20.03.2022 19:07:10 | IP (Hash): 501815286
Liebe Maja,
fachlich kann ich dir wenig helfen. Aber auch ich bin zweifache Mama (1,5 und 4), und ich weiß wie belastend es ist mit Diabetes und zwei Kleinkindern!
Ich hatte bevor ich zum zweiten Mal schwanger geworden bin so nüchtern um die 70 und nach dem
essen bis Max. 100. Es gibt mehrere Diabetiker Typ 2 in meiner Familie und mein Opa ist selber Arzt und hat bei mir immer wieder Blutzucker gemessen.
In der zweiten Schwangerschaft bekam ich Schwangerschaftsdiabetes und nach der Entbindung ist es nicht nur nicht weggegangen, aber schlimmer geworden.
Ich habe solche Panik bekommen. Es war für mich tatsächlich ein schreckliches Gefühl zu sehen dass mein Nüchternwert von 70 dann auf 80 dann 90 dann 100 gestiegen ist. Und ich fühlte mich so unflexibel. Ich kann nicht einfach schnell ein Brötchen essen wenn ich mit den Kindern endlich nach Hause gekommen bin und keine Kraft und keine Lust hatte, mir Salat zu machen. Ich hatte solche Angst von Arztterminen und vor Verschlecherung der Werte.
Ich bin auch heute noch nicht geheilt muss ich sagen. Ich mache mir Sorgen wie ich das mit Essen mache wenn ich bald wieder arbeiten gehe. Ich mache mir Sorgen wenn ich mich zu sehr anstrenge mit neuen Job und Umzug, ob meine Werte sich nochmals verschlechtern. Aber ich habe mich trotzdem entschieden das alles zu machen. Warum? Weil wir mit Diabetes auch gut leben können. Das Leben ist vielleicht schon komplizierter aber wer sagt dass bei den anderen ohne Diabetes alles einfacher ist. Wir haben bestimmt und durchaus mit anderen Sachen Glück! Versuch vielleicht dich abzulenken und dich an das Leben zu gewöhnen. Es gibt wirklich viele schöne Sachen im Leben!
Gleichzeitig finde ich auch wie andere User hier, kannst du dir professionelle Hilfe suchen. Rede darüber. Ich wünsche dir ganz von Herzen alles Gute!