Zwölf Fragen und Antworten zur Insulintherapie

Kann ich noch nach Lust und Laune verreisen, wenn ich mit Insulin behandelt werde?
Ja, auf jeden Fall! Insulin, das für den baldigen Gebrauch bestimmt ist, muß nämlich nicht gekühlt werden. Auch in heißen oder kalten Gegenden kann der gefüllte Pen daher am Körper ohne zusätzliche Schutzmaßnahmen getragen werden. Nur einfrieren oder sehr heiß werden (Handschuhfach im Auto während des Sommers!) darf das Insulin nicht.
Moderne Spritzschemata ermöglichen auch gerade im Urlaub eine größtmögliche Flexibilisierung des Tagesablaufs und der Mahlzeiten.

Tut das Spritzen weh?
Die modernen Nadeln der Insulin-Pens sind so dünn und haben einen speziellen Schliff, daß der Einstich praktisch nicht mehr zu spüren ist.

Muß immer sauber desinfiziert werden, bevor ich spritze?
Nein, denn Insulin selbst wirkt desinfizierend, so daß vor dem Einstich keine Desinfektion erforderlich ist.

Werde ich durch das Insulin noch dicker?
In den meisten Studien nehmen die Patienten nach Beginn einer Insulintherapie 1 bis 4 kg an Gewicht zu. Wir wissen aber, daß diese Gewichtszunahme vermeidbar ist, wenn auf vernünftige Ernährung und Bewegung geachtet wird, und wenn moderne Therapievarianten gewählt werden („prandiale Insulinsubstitution“).

Warum besteht bei Insulin die Tendenz zur Gewichtszunahme?
Unter anderem sind hier 3 Faktoren von Bedeutung:

  1. Rehydrierung: Wasser, das bei schlechter Diabeteseinstellung dem Körper verlorenging,wird wieder als Gewebsflüssigkeit eingelagert. Somit normalisiert sich der Flüssigkeitshaushalt, und oft strafft sich der Teint!
  2. Beseitigung der Glucosurie: Bei hohen Blutzuckerwerten werden bis zu 100g Zucker täglich über den Urin ausgeschieden, das entspricht 400 kcal. Bei besserer Einstellung verbleibt diese Kalorienmenge dem Körper und wird als Fett gespeichert. Zur Vermeidung dieses Effekts sollten Sie einfach etwas weniger essen, nachdem ihr Stoffwechsel gut eingestellt ist – eben so viel weniger, wie sie vorher über den Urin an Kalorien ausgeschieden haben.
  3. Unterzuckerungen und Zwischenmahlzeiten: Einfache Insulinschemata wie die konventionelle Therapie führen zu häufigen Unterzuckerungen, die therapeutisch oder vorsorglich kalorienreiche Zwischenmahlzeiten erforderlich machen. Moderne Schemata wie die prandiale Insulinsubstitution vermeiden diesen Nachteil.



Welche Nebenwirkungen können bei Beginn einer Insulintherapie auftreten?

  1. Unterzuckerungen: Sie sind bei Typ-2-Diabetes generell selten und meist leichterer Natur. Moderne Spritzschemata und professionelle Schulung helfen, Unterzuckerungen weitgehend zu vermeiden.
  2. Pseudo-Unterzuckerungen: Gefühl der Unterzuckerung, das schon bei normalen Blutzuk-kerwerten auftritt. Die Ursache liegt in der langfristigen Gewöhnung des Körpers an überhöhte Blutzuckerwerte. Nach einiger Zeit mit normnaher Diabetes-Einstellung stellt sich der Organismus wieder auf die normalen Blutzucker ein, und das Gefühl der Pseudo-Unterzuckerungen verschwindet.
  3. Gewichtszunahme: siehe oben!
  4. Sehstörungen: Für einige Tage kann der Patient das Kleingedruckte nicht mehr lesen. Ursache ist ein Aufquellen der Linse, deren Zuckergehalt sich langsamer normalisiert als der Blutzucker. Nach einigen Tagen kehrt die normale Sehstärke wieder zurück. Notfalls kann vorübergehend eine billige Wegwerf-Brille beim Optiker gekauft werden.



Wie oft muß der Blutzucker selbst gemessen werden?
Jeder Patient, der Insulin spritzt, sollte die Mög-lichkeit zur Blutzucker-Selbstmessung haben. Im Regelfall wird empfohlen, 1 bis 2 Mal pro Woche ein Profil mit den Werten vor den Hauptmahlzeiten und vor dem Zubettgehen anzufertigen. Ansonsten genügen sporadische Einzelmessungen, wobei aber mindestens einmal täglich gemessen werden muß. Häufigere Messungen sind in der Regel unnötig, weil der Typ-2-Diabetes relativ konstant verläuft. Eine Ausnahme bilden lediglich Menschen, die bei sehr variablem Tagesablauf ständig die Insulindosis anpassen müssen – sie messen wesentlich öfter.

Wer profitiert von kurzwirksamen Insulinanaloga (Humalog® oder Novorapid®)?
In erster Linie sehr insulinunempfindliche (insulinresistente) Patienten mit erheblichen Blutzuckerspitzen nach dem Essen: Personen mit (bauchbetontem) Übergewicht, Personen mit sehr hohen Insulindosen und überlangen Spritz-Eß-Abständen. Die Spritz-Eß-Abstände können mit Ausnahme des Frühstücks weitgehend entfallen, wenn ein Analogon benutzt wird. Auch Menschen mit wiederholten Unterzuckerungen proftieren von kurzwirksamen Analoga.

Kann auch das neue langwirksame Insulin-Analogon Lantus® benutzt werden?
Ein erhöhter Nüchternblutzuckerwert (d.h. > 120 mg/dl bzw. 6,7 mmol/l) läßt sich hervorragend mit einer abendlichen Injektion von Lantus® behandeln; Unterzuckerungen nehmen nicht in bedenklichem Maße zu, wie es bei normalem Verzöge-rungsinsulin (NPH-Insulin) der Fall sein könnte. Der Einsatz von Lantus® empfiehlt sich als Kombinationstherapie mit Tabletten, als Monotherapie oder in Kombination mit Normalinsulin oder kurzwirksamen Analoga vor den Hauptmahlzeiten.

Können kurz oder lang wirksame Analoga bösartige Tumoren auslösen?
Die jetzt auf dem Markt befindlichen Analoga Humalog®, Novorapid® und Lantus® sind in zahlreichen Simulationsmodellen vor der Zulassung eingehend auf Tumorauslösung untersucht worden. Sie wurden von den strengen Zulassungs-behörden in dieser Hinsicht als unbedenklich eingestuft und dürfen z.T. schon bei ganz kleinen Kindern benutzt werden.

Geht es auch ohne Schulung?
Nein, ohne mehrstündige strukturierte Schulung, die praxisorientiert sein muß, ist eine langfristig erfolgreiche Insulintherapie nicht denkbar.

Was kann ich tun, wenn ich mich nicht für die empfohlene Insulintherapie entscheiden kann und zu viele Bedenken habe?
Hier empfiehlt sich ein Versuch mit Insulin, weil niemand eine Therapie beurteilen kann, die er noch nie selbst ausprobiert hat. Dieser Versuch sollte aber mindestens 2 Wochen durchgehalten werden, bis die üblichen Anfangsschwierigkeiten, Pseudo-Unterzuckerungen und Sehstörungen wieder verschwunden sind. Erst dann zeigt sich die gesteigerte körperliche und geistige Leistungsfähigkeit durch die Insulintherapie. Falls Sie (was erfahrungsgemäß fast nie vorkommt) nach 2 Wochen sich immer noch gegen Insulin aussprechen, kann die bisherige (allerdings nicht optimale) Therapie mit Tabletten wieder aufgenommen werden. Auch persönliche Gespräche mit insulinbehandelten Patienten können die Entscheidung erleichtern.

Mit freundlicher Genehmigung von

05.01.2002
Dr. Andreas Liebl
Diabetes-Journal 09/2000