Diabetesbehandlung: Den Alltag aktiv gestalten
Unter den etwa vier Millionen Diabetikern in Deutschland müssen sich schätzungsweise eine Million das lebensnotwendige Hormon Insulin täglich von außen zuführen. Obgleich die Behandlung des Diabetes mellitus - so bezeichnen Ärzte die Volkskrankheit - in den letzten Jahren große Fortschritte gemacht hat, müssen die Patienten aufgrund der Nachteile der herkömmlichen Insuline mit vielen Einschränkungen im Alltag leben. Ein neues, seit dem 2. Mai in Deutschland zur Verfügung stehendes Analog-Insulin der Firma Lilly kann jetzt zu mehr Flexibilität und Lebensqualität der Betroffenen beitragen.Während sich die Ärzte schon immer Gedanken darüber machten, wie die Überlebenszeit der Diabetiker verlängert und die Rate der Komplikationen vermindert werden kann, wurde der für die Kranken selbst besonders wichtige Faktor "Lebensqualität" in der Vergangenheit wenig oder überhaupt nicht beachtet. Professor Dr. Manfred Dreyer, Hamburg, bekräftigte im Zusammenhang mit der ersten öffentlichen Vorstellung des neuen "Insulin lispro", daß sich dies in Zukunft unbedingt ändern muß, wenn die Rate der für die Betroffenen quälenden und für die Kostenträger extrem teuren Langzeitkomplikationen entscheidend gesenkt werden soll. Nur ein Patient, dessen Diabetes gut eingestellt und dessen Lebens-
qualität daher gut ist, interessiert sich nach der Erfahrung des Experten auch für die Langzeitfolgen seiner Krankheit. "Ein Schritt in die richtige Richtung", so Dreyer, "ist die jetzt erfolgte Zulassung von Insulin lispro."
"Die bisher zur Verfügung stehenden Insuline hatten", erläuterte Dreyer, "wesentliche Nachteile, die die Lebensqualität der Diabetiker auf vielfache Weise negativ beeinflußten." Bisher mußten sich Diabetiker mit ihrer Ernährung nach den festliegenden Eigenschaften des jeweils verwendeten Insulins richten. Da diese Insuline langsam wirkten, mußten sie etwa eine halbe Stunde vor den Mahlzeiten gespritzt werden. Konnte die Mahlzeit dann überraschend nicht wie geplant eingenommen werden, drohte eine gefährliche Unterzuckerung. Außerdem zwang die viel zu lange Wirkungsdauer der herkömmlichen Insuline die Zuckerkranken dazu, Zwischenmahlzeiten auch dann einzunehmen, wenn sie weder Hunger noch Appetit hatten. Derartige Zwänge mindern für viele Patienten die Lebensqualität erheblich.
Kein Spritz-Eß-Abstand mehr
Mit der Verwendung von Insulin lispro kann sich dies grundlegend ändern. Diabetiker können nahezu essen wann, was und wieviel sie möchten - sofern sie darin geschult sind, die Insulindosis und die Menge der aufzunehmenden Nahrung aufeinander abzustimmen. Da Insulin lispro innerhalb kürzester Zeit wirkt, werden auch spontane Mahlzeiten möglich. Da zudem die im Blut vorhandene Insulinmenge schnell wieder zur Norm hin absinkt, sind auch keinerlei Zwischenmahlzeiten erforderlich. Gleichzeitg haben wissenschaftliche Studien gezeigt, daß auch die Häufigkeit der gefürchteten Unterzuckerungen - die Ärzte sprechen von Hypoglykämien - seltener auftreten und leichter verlaufen als bei Verwendung der herkömmlichen Insuline. Daher haben gerade jüngere Menschen beim Sport und bei der Freizeitgestaltung mit Insulin lispro weniger Probleme zu befürchten.
Anläßlich der Einführung des biosynthetisch hergestellten "Insulin lispro" wies Dr. Michael Trautmann, Lilly Research Laboratories, Indianapolis/USA, darauf hin, daß das Analog-Insulin gegenüber den bisher zur Verfügung stehenden Insulinen zahlreiche Vorteile hat. Es wirkt sehr viel schneller, erreicht nach der Injektion im Blut höhere Spitzenkonzentrationen und ermöglicht aufgrund der kürzeren Wirkungsdauer eine bessere Steuerung des Stoffwechsels. Professor Dr. Rüdiger Landgraf, München, bestätigte diese Eigenschaften des bisher weltweit in 19 Ländern an über 5.000 Patienten erprobten Insulins. Er wies darauf hin, daß Insulin lispro bei jenen Zuckerkranken eingesetzt werden sollte, die sich mehr Flexibilität in der Therapie wünschen oder die mit den bisher angebotenen Insulinen keine ausreichend gute Stoffwechseleinstellung erzielen konnten.
Schlecht eingestellte Blutzuckerspiegel führen auf Dauer zu schädlichen Veränderungen an den großen und kleinen Blutgefäßen. Aus diesem degenerativen Veränderungen resultieren sowohl bei Typ-I-, als auch bei Typ-II-Diabetikern schwere gesundheitliche Komplikationen wie Herzinfarkt, Schlaganfall, Nerven- und Nierenschäden, Amputationen von Extremitäten und Schwangerschaftszwischenfälle, die bei optimaler Stoffwechsel-einstellung mit normnahen Blutzuckerwerten zum größten Teil vermeidbar wären.
Bisher hatten gerade junge Diabetiker Schwierigkeiten dabei, ihre sportlichen Aktivitäten bei der Behandlung ihrer Krankheit ausreichend zu berücksichtigen. Bei der Erprobung von Insulin lispro hat sich aber beispielsweise in Finnland gezeigt, daß die neue Substanz den alten Insulinen auch auf diesem Gebiet überlegen ist, da weniger Unterzuckerungen auftreten. Insulin lispro sollte noch nicht Kindern unter 12 Jahren eingesetzt werden, da keine ausreichenden Erfahrungen vorliegen. Dies wird sich wahrscheinlich schon in einem Jahr ändern, wenn entsprechende Studien beendet wurden. Vermutlich wird gerade die Lebensqualität der Kinder deutlich verbessert, da diese Insulin lispro aufgrund des rasanten Wirkungseintritts auch einmal nach dem Essen spritzen können, zum Beispiel wenn die vorherige Anwendung vergessen wurde oder die Augen größer als der tatsächliche Hunger waren.