Unterschiedliche Insuline ermöglichen eine individuelle Therapie
Die Auswahl an Insulinen, die für die Diabetestherapie heute zur Verfügung stehen, ist reichhaltig. Die Unterschiede in Art und Wirkeigenschaften der Insuline lassen sich nutzen, um jedem Diabetiker für seine persönlichen Bedürfnisse und seine Lebensweise eine möglichst "maßgeschneiderte" Insulintherapie zu bieten.Welche Funktionen die heute eingesetzten Insuline erfüllen, erklärt Professor Dr. med. Hans Peter Meissner, Diabetologe, Schwer-punktpraxis, Berlin.
Diabetes Ring:
Der gesunde Organismus kommt mit einer einzigen Sorte Insulin aus. Warum benötigen Diabetiker Insuline mit variabler Wirkweise?
Prof. Meissner:
In einem gesunden Organismus wird immer eine gewisse Menge an Insulin aus der Bauchspeicheldrüse abgegeben. Zu den Mahlzeiten ist diese Menge entsprechend dem Bedarf erhöht. Das Insulin wird dabei direkt in die Blutbahn abgegeben.
Bei einem Diabetiker aber muß Insulin von außen zugeführt werden. Der Patient spritzt sich das Insulin in das Unterhautfettgewebe. Von dort gelangt es erst nach einer gewissen Zeit in die Blutbahn. Da auch im Organismus des Diabetikers ein dauerhafter Insulinspiegel aufrecht erhalten werden muß, gibt es länger wirkende Insuline für den "Grundbedarf" (Basalinsuline) und es gibt kurz wirkende Insuline (Bolusinsuline), die die Blutzuckerspitzen nach den Mahlzeiten abfangen müssen.
Diabetes Ring:
Wie bewerkstelligen es Pharmakologen, daß Insuline unterschiedlich wirken?
Prof. Meissner:
Um Insuline mit unterschiedlicher Wirkung zu erzeugen, werden ihnen zum Beispiel verschiedene Zusatzstoffe beigegeben. Das sind unter anderem eiweißartige Substanzen, wie Protamin beim sogenannten "NPH-Insulin" (Neutrales Protamininsulin nach Hagedorn) oder auch Zink. Dadurch bilden sich Insulinkristalle, die im Körper - beispielsweise wie ein Stück Kandiszucker im Tee - erst langsam aufgelöst werden und dadurch ihre Wirkung verzögert entfalten. Auch können durch Änderung der chemischen Struktur des Insulins, wie zum Beispiel bei Insulin lispro, bestimmte Eigenschaften verändert werden. So wird das Insulin lispro, bei dem ein Aminosäurenpaar im Insulinmolekül vertauscht ist, bei subkutaner Anwendung wesentlich schneller in die Blutbahn aufgenommen als vergleichbare Normal(Alt-)insuline. Hierdurch kommt es zu einem schnelleren Wirkungseintritt, wodurch der Spritz-Eß-Abstand wegfallen kann. Auch die Wirkungsdauer wird verkürzt, was das Hypoglykämierisiko reduziert.
Diabetes Ring:
Warum wird immer noch tierisches Insulin eingesetzt, obwohl man seit 1982 menschliches Insulin mit Hilfe der Gentechnik nachbauen kann?
Prof. Meissner:
Stellt man heute Patienten neu auf Insulin ein, werden Humaninsuline verwendet, die meist gentechnisch hergestellt sind. Bei Patienten aber, die bereits über einen langen Zeitraum tierische Insuline anwenden und damit eine gute Stoffwechseleinstellung erzielen, besteht keine Notwendigkeit, sie auf ein anderes Insulin umzustellen. Außerdem können tierische Insuline manchmal auch gewisse Vorteile besitzen. So wirken etwa Rinderverzögerungsinsuline (bovine Zink-insuline) länger als vergleichbare Humaninsuline.
Diabetes Ring:
Wissenschaftler haben ein neues Insulin entwickelt, bei dem im Vergleich zum menschlichen Insulin ein Aminosäurenpaar vertauscht ist. Ist dieses Insulin trotz der chemischen Strukturänderung genausogut verträglich?
Prof. Meissner:
Ja. Es gibt zum Beispiel keine Berichte, daß allergische Reaktionen durch das neue Insulin häufiger ausgelöst werden als beim humanen Normalinsulin. Und immerhin haben an den weltweiten Studien mit Insulin lispro über 5.000 Patienten teilgenommen. Kaum ein Medikament wurde vor seiner Zulassung so umfassend geprüft.
Diabetes Ring: Herzlichen Dank für das Gespräch.