Einsatz und Nutzen von EDV für den diabetischen Patienten

Vermeidung von Spätschaden durch optimal abgestimmte Therapie
Der Diabetiker kann bei "konventioneller", handschriftlicher Tagebuchführung den behandelnden Arzt nur unzureichend über seine täglichen Daten und Gewohnheiten informieren, da meist nur Blutzuckermessungen und vielleicht noch Insulindosierungen aufgezeichnet werden. Die weiteren, für eine optimale Therapie ebenso unverzichtbaren Faktoren wie z.B. das Auftreten bestimmter Symptomatik zu bestimmten Tageszeiten oder Messwerten; die Genußmenge eines konkreten Lebensmittels, die Dauer und Intensität sportlicher Betätigung sowie die Beeinflußung durch verschiedene Fremdparameter (Aufregung, Stress, etc.) gehen unwiederbringlich verloren. Der praktische Nutzen dieser handschriftlichen Aufzeichnungen ist daher beschränkt: Zunächst wird sich auch der engagierte Arzt i.d.R. damit schwertun , diese - i. ü. wenig intuitiv erfassten - Daten schnell und in ihrer Gesamtheit aufzunehmen und auch im Einzelfall konkret zu würdigen. Eher dürfte es der Regelfall sein, daß sich die "Analyse" auf eine wenig substantiierte Würdigung des Gesamtbildes stützen muß: mehr als der ungefähre Blutzuckerverlauf sowie die Anzahl der ersichtlichen Hypoglykämien bzw. der Überzuckerungen lassen sich dem manuell geführten Tagebuch - mit vertretbarem Aufwand - kaum entnehmen. Weiterhin kommt hinzu, daß auch der Patient meist überfordert ist, sich anhand solcher Aufzeichnungen konkret an länger zurückliegende Geschehensabläufe zu erinnern; manche - u.U. leicht zu behebende - Ursachen von Extremwerten oder Therapieschwächen können somit oft nicht geklärt und damit auch nicht beseitigt werden. Diese Einschränkungen werden durch eine Tagebuchführung per EDV aufgehoben: Durch den Einsatz einer geeigneten Software ist der Patient in der Lage, seine täglichen Aufzeichnungen komfortabel und mit einer bisher nicht gekannten Datenfülle zu tätigen. Sämtliche Daten können dem Arzt in übersichtlicher Form (Papier und /oder Diskette) vorgelegt werden; auch die Analyse und Berücksichtigung weit zurückliegender Zeiträume wird hierdurch problemlos ermöglicht. Der behandelnde Arzt kann somit auf den individuellen Lebenssachverhalt konkret eingehen und Schwachstellen in der Therapie aufspüren, die erst bei globaler Betrachtung ans Tageslicht treten. Hierdurch kann nun eine hochgradig optimierte Therapie gewährleistet werden, welche die Lebensqualitität des Patienten u.U. spürbar verbessert und diabetische Folgeschäden wahrscheinlich verhindert.

Gesteigerte Eigenmotivation und erhöhte Selbstverantwortlichkeit
Durch die tägliche, (meist abendliche) Dateneingabe wird der Patient geradezu gezwungen, sich mit seiner Blutzuckereinstellung und Lebensweise zu befassen. Die von der Software erzeugten Grafiken versetzen ihn in die Lage, offensichtliche Verhaltensfehler selber zu finden und zu beheben - oder veranlassen ihn, bei Unregelmäßigkeiten sofort den Arzt zu konsultieren. Durch die Visualisierung der Daten wird auch ein weiterer psychologischer Nebeneffekt erreicht: Zum einen ergibt sich meist ein täglicher Vorsatz, am folgenden Tag eine "bessere Kurve" zu erzielen. Weiterhin erkennt der Patient meist bereits aus der graphischen Darstellung, daß nur mit einer ausreichend hohen Messdichte auf extreme Blutzuckerwerte sofort und angemessen reagiert werden kann. Hierdurch wird seine Bereitschaft geweckt und gefördert, die Anzahl der täglichen Blutzuckermessungen zu erhöhen; langfristig trägt auch diese neu gewonnene, sofortige Reaktionsmöglichkeit erheblich dazu bei, das Risiko diabetischer Folgeschäden zu vermeiden.

Vermeidung sozialer und rechtlicher Nachteile
Die ausführlichen, softwaregestützen Aufzeichnungen eines mehrjährigen Therapieverlaufs können schließlich auch herangezogen werden, um arbeits- oder sozialrechtliche Nachteile abzuwenden. Der - gut eingestellte - Diabetiker kann somit zusätzlich bekräftigen, daß seine Krankheit grundsätzlich keine Verminderung seiner Arbeits- und Leistungsfähigkeit bedingen muß; zeigt er doch durch seine ausführliche Protokollierung ein erhöhtes Engagement sowie gesteigertes Gesundheits- und Verantwortungsbewußtsein. Weiterhin kann hierdurch ggf. auch einer Straßenverkehrsbehörde leichter nachgewiesen werden, daß der Patient grundsätzlich ohne Einschränkungen zur Führung eines KFZ geeignet ist. Bei Vorlage detaillierter Aufzeichnungen dürfte dieser kaum Ermessensspielraum bleiben, einem gut eingestellten Diabetiker die (Wieder-) Erteilung der Fahrerlaubnis zu versagen bzw. zu erschweren. Schließlich werden sich auch Krankenkassen bei der Bewilligung von Leistungen aufgeschlossener zeigen, wenn deren konkreter Einsatz und Nutzen im Einzelfall auch plausibel dargelegt werden kann.

22.07.2000