Bei Kindern und Jugendlichen: aus der Vergangenheit lernen! - Zöliakie und diabetes: öfter gemeinsam

„Und Du hattest noch kein Kind mit beiden Erkrankungen?“ lautete Silkes Frage an den Kinderdiabetologen im Internet-Chat auf http://www.diabetes.de/view.asp?ID=962 Silke, selbst Diabetikerin Typ 1, ist Mutter eines vierjährigen Mädchens, das an Diabetes und an Zöliakie leidet. Nach ihrer Erfahrung hatte sich die Insulinbehandlung, die bei Vorschulkindern häufig aufwendig ist, um ein Vielfaches vereinfacht, seit sie eine Zöliakie-Diät durchführte.

Zöliakie – worum handelt es sich dabei eigentlich? Kinderärzten ist Zöliakie als ein Krankheitsbild bekannt, welches meist gegen Ende des 1. Lebensjahres zu Wachstumsstillstand führt sowie zu Gedeihstörungen, Bauchschmerzen, Durchfällen, Blutarmut und psychischen Problemen. Auslöser des Krankheitsbildes ist „Gluten“ (oder Gliadin) – ein Eiweiß, das in Getreide wie Weizen, Roggen, Gerste und Hafer enthalten ist.

Ab dem Breialter leiden die Kinder an einer chronischen Entzündung der Darmschleimhaut, die durch eine Magen-Darm-Spiegelung (Gastroduodenoskopie) mit Probenentnahme (Biopsie) nachgewiesen werden kann. Der Kinderarzt wird die Symptome kaum übersehen. Es gibt aber auch eine stumme Form der Erkrankung (ohne Symptome), die z. B. in Schweden bei 1 bis 2 Prozent der Vorschulkinder durch einen Antikörpertest (Antiendomysium-AK bzw. Transglutaminase) gefunden wurde.

Diabetes und Zöliakie: öfter gemeinsam!

Zöliakie wie auch Typ-1-Diabetes und bestimmte Schilddrüsenerkrankungen zählen zu den Autoimmunerkrankungen und kommen gemeinsam überzufällig häufig vor – gerade auch die symptomarmen Formen. Der britische Diabetologe Geoffrey Holmes fand, daß 4 bis 5 Prozent der Kinder mit Diabetes gleichzeitig an einer stummen (symptomarmen) Form von Zöliakie leiden – oft würden die Symptome auch erst nach Beginn einer gliadinfreien Diät deutlich, z. B. weil sich die Blutzuckereinstellung nach Abheilen der Entzündung im Darm bessere. Holmes rät - wie auch andere Wissenschaftler - zu einem Screening: Alle Kinder mit Diabetes sollten den erwähnten Antikörpertest machen. Dies ist aber zur Zeit unter Kinderdiabetologen noch heftig umstritten.

Argumente für Reihenuntersuchung...

Lynne L. Levitsky und Michael Freemark, amerikanische Endokrinologen, leiteten im August 2002 in San Francisco ein Symposium zu dem Streitpunkt Screening, also Reihenuntersuchung – ja oder nein? Als Pro kann sicherlich die Erkennung versteckter Symptome angeführt werden, z. B. einer Osteoporose (Kalksalzminderung der Knochen). Familie und Behandler wären bei bekanntem Erkrankungsrisiko auf diese Komplikation vorbereitet. Auch ist bekannt, daß Menschen mit unbehandelter Zöliakie ein höheres Risiko haben, an Lymphomen des Dünndarms (Dünndarmkrebs) oder auch anderen Krebsformen zu erkranken.

Dünndarmlymphome sind aber seltene Erkrankungen: In den USA treten pro Jahr 1,6 bis 2,5 Fälle von Dünndarmlymphom pro 1 Million Einwohner auf. Wir nehmen an, daß 50 000 der 1 Million Typ-1-Diabetiker in den USA zusätzlich an Zöliakie leiden, was eine Rate von 1,7 zusätzlichen Dünndarmlymphom-Fällen pro Jahr ergeben würde.

Es gibt starke Hinweise dafür, daß eine glutenfreie Diät das Risiko mindert, an einem Lymphom zu erkranken.

...und Argumente dagegen

Zunächst reicht der Antikörpertest nicht aus, die Erkrankung zu beweisen. Es wird eine Magen-Darm-Spiegelung erforderlich, die meist in Narkose durchgeführt wird. In unserer Klinik werden diese Patienten am Vorabend der Untersuchung auf der Diabetesstation stationär aufgenommen, in der Regel können sie nach Abklingen der Narkose am nächsten Tag wieder heim.

Die heftigste Diskussion um Nutzen und Schaden des Screenings entbrannte in unserem Diabetes-Behandlerteam allerdings bzgl. der Diät: Hier hatte sich gerade auch für die Kinder mit Diabetes im Rahmen der ICT in den letzten Jahrzehnten eine erhebliche Erleichterung durch Vereinfachung der Ernährung und die Möglichkeit des Verzehrs von Haushaltszucker ergeben.

Glutenfreie Ernährung, konsequent durchgeführt, heißt z. B. für Jugendliche, selbstgebackenes Maisbrot mit in die Schule nehmen, auf Partys „nein, danke“ sagen, und Fertigprodukte detektivisch auf Inhaltsstoffe untersuchen. Kleinere Kinder tun sich hier sicher etwas leichter.

Bei Zeichen: mit dem Kinderdiabetologen sprechen!

Sollten einige der genannten Symptome bei Ihrem Kind vorliegen, empfehlen wir, mit einem Kinderdiabetologen zu sprechen. Er wird die entsprechenden Untersuchungen veranlassen. Wenn sich der Verdacht bestätigt, sollte eine Diätbehandlung erfolgen. Eine Liste pädiatrischer Diabeteszentren finden Sie im Info-Kasten.

Mehr Infos zu Diabetes und Zöliakie

Die Entscheidung, ob man bei Beschwerdefreiheit ein Screening (Blutentnahme auf Antikörper) durchführt, kann nach einem ausführlichen Gespräch mit dem Kinderdiabetologen/dem Behandlungsteam nur individuell getroffen werden. Zu bedenken ist dabei, ob große Ängste wegen des Lymphomrisikos bestehen - hier kann ein negativer Test beruhigen. Er sollte allerdings nach ein bis zwei Jahren wiederholt werden, insbesondere wenn der Diabetes erst kurze Zeit besteht.

Sie sollten sich vor der Antikörpertestung auch fragen, ob Sie bei positivem Antikörperbefund eine Spiegelung mit Probenentnahme vornehmen lassen möchten, die ja letztlich erst die Erkrankung beweist.

Auch wenn die (symptomarme) Zöliakie durch Biopsie bewiesen sein sollte, werden Sie sich möglicherweise nicht zu einer Diät entschließen. Der Kinderarzt ist dann aber in der Lage, bei Auftreten von Symptomen in Absprache mit Ihnen weitere Untersuchungen (Blutarmut, Vitaminmangel) einzuleiten.

Um Silkes Frage im Chat zu beantworten:

Nachdem wir in der Kinderklinik Hagen in den letzten Jahren nur sporadische (symptomatische) Fälle sahen, haben wir im zweiten Halbjahr 2002 über 60 Patienten (von insgesamt 158 in 2002) gescreent, von denen 5 Antikörper-positiv waren; 3 Fälle bestätigten sich in der Biopsie, ein Patient hatte eine normale Dünndarmbiopsie, eine Untersuchung steht noch aus.

Mit freundlicher Genehmigung von

28.07.2003
Dr. Ulf Schimmel, Hagen
Diabetes-Journal Heft 4, 2003, Seite: 18-20