Risikofaktoren: Das geht auch Sie an!

„Schützen Sie Ihr Herz und Ihre Gefäße“: Das geht eigentlich alle Menschen an, ob mit oder ohne Diabetes. Denn gerade in Ländern mit hohem Wohlstand sind Herz- und Gefäßkrankheiten sehr häufig. Dabei sind Diabetiker noch mehr als Nichtdiabetiker davon betroffen. Und bei den Menschen mit Diabetes ist es besonders die riesige Zahl der Typ-2-Diabetiker, denen Erkrankungen an Herz und Gefäßen drohen oder die schon darunter leiden.

Es ist erschreckend, wie häufig Diabetiker an Herz- und Gefäßkrankheiten leiden. Jährlich erkranken über 44000 Diabetiker am Schlaganfall und über 27000 Diabetiker am Herzinfarkt. Und viel zu oft endet diese akute Erkrankung tödlich.

Die heimlichen, unheimlichen Risiken

Die Angina pectoris als „Vorläufer“ eines Herzinfarktes und die schwere Erkrankung an einer Herzleistungsschwäche („Herzinsuffizienz“) sind Nummer eins und Nummer zwei in der Liste der Gefahren für Typ-2-Diabetiker.

Herz- und Gefäßkrankheiten treffen Typ-2-Diabetiker rund doppelt so häufig wie Nichtdiabetiker. Diese besondere Gefährdung von Diabetikern läßt sich weitgehend erklären durch die Häufung von Risikofaktoren, also von Risiken für die Entwicklung zu Herz- und Gefäßkrankheiten.

Es ist eine große Gefahr für Diabetiker, wenn sie neben ihrem meist nicht so gut eingestellten Diabetes auch noch andere Risikofaktoren haben: Die wichtigsten beeinflußbaren Risikofaktoren sind Bluthochdruck, Fettstoffwechselstörungen, Fettsucht („Adipositas“) und das Zigarettenrauchen – sie sind gerade auch bei Diabetikern sehr häufig.

Die Risiken sind deshalb so unheimlich und so gefährlich, weil sie eigentlich „heimlich“, also ohne Beschwerden entstehen - und auch deshalb nicht so ernst genommen werden.

Risikofaktoren wie Adipositas, Zigarettenrauchen, erhöhter Blutdruck, Fettstoffwechselstörungen und schlecht eingestellter Diabetes sind eine oft vernachlässigte „unheimliche“ Gefahr für die Gefäße. Denn durch diese Risiken kommt es zu Gefäßwandveränderungen, die im Volksmund als Gefäßverkalkung („Arteriosklerose“) bezeichnet werden.

Wissenschaftliche Erkenntnisse machen deutlich, daß es dabei weniger um Verkalkungen der Gefäßwand geht, sondern um eine gefährliche Fetteinlagerung in der Gefäßinnenwand (um eine „Plaque-Bildung“ in der „Intima“). Davon merkt man lange Zeit nichts; erst das aktuelle Ereignis des Herzinfarktes oder des Schlaganfalls macht dem Betroffenen „schlagartig“ klar, daß die jahrelang überlastete und geschädigte Gefäßinnenwand nun zur letzten Ursache für den akuten Organschaden an Herz oder Gehirn geworden ist.

Sie selbst können was tun!

Aber so weit muß es nicht kommen. Denn der eigentliche Beginn für diese gefährliche Entwicklung liegt in den genannten Risikofaktoren, die Sie selbst beeinflussen können - und in einem schlecht eingestellten Diabetes. Nur wenn man die Risikofaktoren nicht von Anfang an konsequent und mit Erfolg ausschaltet, häufen sich die gefährlichen Ereignisse an Herz und Gefäßen; nur dann wird besonders der Typ-2-Diabetes zu einer gefährlichen, ja zu einer bösartigen Erkrankung.

Der Typ 2 kann bösartig sein

Der Vergleich des Typ-2-Diabetes mit bösartigen Erkrankungen ist etwas gewagt, er kann aber gut begründet werden: Als bösartige Krankheiten versteht man die verschiedenen Formen der Krebserkrankungen, die die Lebenserwartung deutlich verkürzen und neben den Herz- und Gefäßkrankheiten zu den häufigsten Todesursachen gehören. Bösartige Krankheiten belasten auch auf vielfältige andere Weise den Lebensalltag der davon Betroffenen. Auch der häufig als „harmloser Alterszucker“ verkannte und falsch beschriebene Typ-2-Diabetes belastet durch seine Komplikationen und Folgen den Alltag und führt zu einer erheblichen Verkürzung der Lebenserwartung – vor allem dann, wenn der Diabetes sowie die anderen Risikofaktoren nicht mit Erfolg angegangen werden. Es ist zwar nicht streng wissenschaftlich und sachlich berechtigt, den Typ-2-Diabetes als bösartige Krankheit zu bezeichnen. Die provozierende Bezeichnung soll aber aufmerksam machen und das Augenmerk aller Typ-2-Diabetiker und aller zuständigen Berufsgruppen auf die Möglichkeiten zur Vermeidung oder Verringerung solcher großen Gefahren richten.

Gute Botschaft: Vorbeugung ist erfolgreich

Den schlechten Botschaften von der Gefährdung der Diabetiker durch Herz- und Gefäßkrankheiten steht die gute Botschaft gegenüber: Vorbeugung ist möglich und erfolgreich, Vorbeugung bedeutet, die beeinflußbaren Risiken auch wirklich auszuschalten.

Durch wissenschaftliche Analysen weiß man schon seit längerem, durch immer neue groß angelegte Studien erfährt man auch aktuell, wie die bekannten Risikofaktoren ausgeschaltet werden können und daß sich dadurch das Risiko zur Entstehung von Herz- und Gefäßkrankheiten entscheidend verringern läßt. Wissenschaftliche Erkenntnisse lassen sich aber nicht immer leicht in praktisches Tun umsetzen. Für Gesundheitssysteme wird es sehr aufwendig und auch teuer, in die allgemeine Vorbeugung zu investieren und sich dafür zu engagieren. Ganz besonders viel wird von den Betroffenen selbst verlangt, wenn sie beeinflußbare Risiken auch wirklich beeinflussen sollen. Denn wer ändert schon gern seine Gewohnheiten, auch wenn sie ihm schon seit langem als hohes Risiko bekannt sind? Wer hört gerne auf zu rauchen? Wer nimmt gerne ab? Wer ändert gerne seine liebgewordenen Gewohnheiten beim Essen und Trinken? Wer möchte sich gerne mit vermehrter körperlicher Belastung „quälen“? Aber genau das sind die Maßnahmen der erfolgreichen primären oder sekundären Prävention; und genau dies, nämlich die Vorbeugung, sollte vorher beginnen – bevor Herz- und Gefäßkrankheiten auftreten (z. B. vor dem ersten Herzinfarkt als primäre Prävention ) und bevor schon bestehende Herz- und Gefäßkrankheiten sich verschlechtern (also vor dem zweiten Herzinfarkt als sekundäre Prävention).

Beugen Sie vor – mit dem Gesundheits-Paß!

Vorbeugung beginnt vorher und ist eine Chance für alle Diabetiker und ihre Ärzte. Vieles müssen Diabetiker in ihrem Alltag selbst und selbstbewußt umsetzen, vieles können sie mit ihren Ärzten zusammen tun. Und vieles können die Ärzte zur Vorbeugung tun. Gemeinsam mit Ihrem Arzt sollten Sie den Gesundheits-Paß Diabetes mit seinen wichtigen Empfehlungen nutzen - zur vorsorglichen Untersuchung und vorbeugenden Behandlung. Ganz besonders wichtig ist dabei, daß Sie Behandlungsziele, die in nächster Zeit erreicht werden sollen, immer wieder neu besprechen. Auch bei der vom Arzt verordneten medikamentösen Behandlung von Bluthochdruck und Fettstoffwechselstörungen sollte man immer erst zufrieden und beruhigt sein, wenn nach den Zwischenzielen die endgültigen Behandlungsziele erreicht sind und gehalten werden, nämlich normale Werte für Blutdruck und Blutfette sowie für Blutzucker und HbA1c.

Die erfolgreiche Ausschaltung von Risiken ist die beste Vorbeugung gegen die Entwicklung von Herz- und Gefäßkrankheiten. 

Mit freundlicher Genehmigung von

29.07.2003
Prof. Dr. med. Rüdiger Petzoldt Diabeteszentrum Bad Oeynhausen
Diabetes-Journal Heft 1, 2003, Seite: 18-20