Anspruchsvolle Behandlungsziele
Selbstbewußtes Gesundheitsverhalten
Es ist eine gefährliche Verharmlosung des Risikos aller Typ-2-Diabetiker, wenn man sich bei der Behandlung vor allem auf den gezielten Einsatz von Insulin zur Blutzuckersenkung konzentriert und dabei für die ebenso wichtigen und anspruchsvollen anderen Behandlungsziele weniger Aufwand betreibt. Denn dann erreicht man höchstens einen oberflächlichen Erfolg; die wahren Probleme und die Gefahren für Herz und Gefäße bleiben ungelöst und nehmen oft noch zu.
Nur Blutzucker? Die wahren Probleme bleiben ungelöst!
Zunehmend häufiger müssen wir Ärzte Typ-2-Diabetiker gerade dann behandeln, wenn sie mit der Insulintherapie zwar aktuellen und modernen Empfehlungen folgen, dabei aber die gefährlichen Lebensgewohnheiten fortsetzen – also essen und trinken dürfen, „was Sie wollen“, sich nicht genug bewegen, das Rauchen nicht aufgeben und noch an Gewicht zunehmen. Immer wieder werden auch Bluthochdruck und Fettstoffwechselstörungen weiter hingenommen, oft mit der falschen Vorstellung, daß eine intensive Diabetestherapie allein ausreichend sei.
Es ist falsch und hochgradig gefährlich ....
.... wenn beim Typ-2-Diabetes die ebenso wichtigen anderen Behandlungsziele gar nicht erst angestrebt oder nicht erreicht werden. Denn die weiteren Behandlungsziele dienen ebenso wie die Normalisierung der Blutzuckerwerte der erfolgreichen Vorbeugung gegen die Entwicklung von Herz- und Gefäßkrankheiten. Ja, Bluthochdruck und Fettstoffwechselstörungen sind mindestens ebenso gravierende und oft noch wichtigere Risikofaktoren für die Entwicklung von Schlaganfall und Herzinfarkt. Und auch das Zigarettenrauchen und die Fettsucht tragen Entscheidendes zur Entwicklung von Herz- und Gefäßkrankheiten bei.
Es ist richtig und wichtig ....
.... wenn in allen Stoffwechselbereichen der Normalzustand angestrebt und erreicht wird. Denn normale Werte für Körpergewicht, Blutdruck, Blutfette und Blutzucker sind viel seltener mit Herz- und Gefäßkrankheiten verbunden als erhöhte Werte; und Zigarettenrauchen ist ein wesentlich höheres Risiko als Nichtrauchen.
Schritt für Schritt zu normalen Befunden!
„Anspruchsvolle Behandlungsziele für alle Diabetiker – Schritt für Schritt zu normalen Befunden“: Unter dieses Motto haben wir in der Klinik die tägliche Information aller Diabetiker, ganz besonders aller Typ-2-Diabetiker, gestellt. Denn für den Behandlungsalltag aller Diabetiker ist zweierlei wichtig: Alle Diabetiker und das Behandlungsteam sollten die eigentlich richtigen anspruchsvollen Behandlungsziele kennen - es sind die Normalwerte für Gewicht, Blutdruck, Blutfette und Blutzucker. Ebenso sollten alle Diabetiker und ihre Behandlungsteams wissen, daß schon jeder Schritt hin zu den normalen Befunden zu Erfolgen bei der Vorbeugung führt. Dieses doppelte Wissen erleichtert auch die ganz individuelle Umsetzung der anspruchsvollen Behandlungsziele für alle Diabetiker. Am besten werden die erreichbaren Behandlungsziele immer wieder neu individuell geplant. Nicht bei jedem Diabetiker und nicht immer sofort sind Normalbefunde notwendig und sinnvoll. Aber man sollte die anspruchsvollen Behandlungsziele nicht aus den Augen verlieren und sich Schritt für Schritt dahin bewegen.
Gewicht normalisieren
- Jeder Schritt verringert das Risiko und bessert das Befinden
- Langsam und gleichmäßig 1 kg pro Monat abnehmen = meisterlich
Optimal: Body Mass Index bis 25,0 kg/m2
Es ist sicher besonders schwierig für alle Menschen mit Übergewicht, an Gewicht abzunehmen und sich langsam dem anspruchsvollen Behandlungsziel zu nähern. Je ausgeprägter aber das Übergewicht ist, um so dringlicher ist auch die erfolgreiche Gewichtsabnahme. Dabei zählt jedes Kilo für die Gesundheit, wie es in dem schönen Buch „Erfolgreich abnehmen bei Diabetes“ von D. Hauner und H. Hauner heißt. Unter der Überschrift „Steuern Sie realistische Ziele an“ wird die angestrebte Gewichtsabnahme bei unterschiedlichem Body Mass Index beschrieben (Berechnung siehe unten). Diabetiker mit einem geringer erhöhten Body Mass Index von 25 - 29,9 kg/m2 sollten eine Gewichtsabnahme von 3 - 5 kg anstreben; bei einem Body-Mass-Index von 30 - 34,5 kg/m2 geht es um 5 – 10 kg, bei einem Body-Mass-Index von 35 – 39,9 kg/m2 um 10 - 20 kg und bei einem Body Mass Index von 40 kg/m2 und mehr um 10 - 30 kg.
Setzen Sie sich realistische Ziele
Ganz besonders wichtig ist es, sich realistische Zwischenziele zu setzen und die Ziele in kleinen Schritten anzustreben. Jeder Schritt verringert das Risiko und bessert das Befinden, ganz besonders auch bei der Gewichtsabnahme. Schon kleine Schritte führen oft zur nachhaltigen Verbesserung der Blutzuckerwerte. Und wenn man langsam und gleichmäßig 1 kg pro Monat abnimmt, kann man sich zu Recht als „Meister“ fühlen.
Wie man erfolgreich abnimmt? Sicherlich nur, wenn man bewußt und selbstbewußt beim Essen und Trinken mitdenkt und mitentscheidet. Nicht die Insulintherapie entscheidet über Essen und Trinken und über die Gewichtszunahme, sondern Sie selbst mit Ihrer selbstbewußten und richtigen Auswahl der Nahrungsmittel und ihrer Mengen. Und nicht Insulin allein macht dick: Die falsche Lebensweise mit Überernährung und Bewegungsmangel spielt auch für insulinbehandelte Diabetiker eine gewichtsentscheidende Rolle.
Küssen macht nicht schwanger!
Man kann die Zusammenhänge auch mit den Worten eines erfahrenen Diabetes-Arztes umschreiben, der von einer Patientin gefragt wurde: „Nicht wahr, Herr Doktor, Insulin macht doch dick?“ Er antwortete: „Ja – aber nur, wenn Küssen schwanger macht!“ Vielen Dank für diese ebenso lustige wie liebevolle Erklärung bei einem häufigen Mißverständnis, Herr Doktor!
Mit dem Body Mass Index, dem Körper-Massen-Index, kann man heute am besten feststellen, ob man zu dick ist und wie ausgeprägt die Fettsucht ist. Der Body Mass Index wird nach einer besonderen Formel berechnet.
So berechnen Sie den Body-Mass-Index
Body-Mass-Index = Gewicht in kg : (Größe in m)2
Bei einer Körpergröße von 178 cm und einem Körpergewicht von 92 kg rechnet man also folgendermaßen: Body-Mass-Index = 92: (1,78 x 1,78) = 29,0 kg/m2.
Eigentlich wissen wir alle von den großen Risiken des Rauchens; und rauchende Diabetiker wissen natürlich auch, daß sie aus medizinischen Gründen mit dem Rauchen aufhören müßten. Wollen Sie, liebe Leserin, lieber Leser, auch wirklich mit dem Rauchen aufhören? Die Grundlage für einen Erfolg dabei ist Ihr fester Wille dazu und die klare Entscheidung, von nun an nicht mehr zu rauchen. Wenn Sie diese Entscheidung getroffen haben, dann kann Sie auch nichts mehr davon abhalten.
Nichtrauchen: Ihre eigene Entscheidung
Zur Hilfe bei der Entwöhnung vom Rauchen wird vieles angeboten: Kurse, Broschüren, Akupunktur, Medikamente - vielleicht helfen Ihnen etwas davon. Am meisten hilft Ihnen aber Ihre eigene Entscheidung und Ihr Wille zum Nichtrauchen. Entscheiden Sie für sich selbst. Und tun Sie es für sich, werden Sie Nichtraucher, Sie werden Erfolg haben!
Nichtraucher werden, Nichtraucher bleiben
- Nichtrauchen verringert das Risiko und bessert das Befinden
- Wer will, der schafft’s
Ziel: Unbedingt nicht rauchen!
Der Bluthochdruck, die Hypertonie, muß schon dann sehr ernst genommen werden, wenn die Meßwerte nur gering über dem eigentlichen Zielblutdruck liegen. Denn nicht erst seit den eindrucksvollen Ergebnissen der viel zitierten englischen Studie (UKPDS) ist die Bedeutung eines höheren Blutdrucks für die Entwicklung von Herzinfarkt und Schlaganfall bekannt. Wiederum haben Diabetiker ein noch höheres Risiko als Nichtdiabetiker: Denn Diabetes und Hypertonie sind gleich zwei große Risiken für Herz- und Gefäßkrankheiten! Für Diabetiker mit erhöhtem Blutdruck ist die Behandlung ihres erhöhten Blutdrucks mindestens genausowichtig wie die gute Diabeteseinstellung.
Ein erhöhter Blutdruck macht oft keine Beschwerden und entwickelt sich deshalb meist unbemerkt. Manchmal gibt es Hinweise: Kopfschmerzen, Müdigkeit oder Schwindelgefühl; diese Beschwerden sind aber erst bei sehr deutlicher Blutdruckerhöhung zu erwarten. Ideale Blutdruckwerte liegen aber bei 120/80 mmHg; eigentlich sind alle darüberliegenden Blutdruckwerte – wenn sie in Ruhe gemessen werden – schon zu hohe Blutdruckwerte, die man behandeln sollte.
Blutdruck normalisieren
- Jeder Schritt verringert das Risiko und bessert das Befinden
- Regelmäßig in Ruhe selbst den Blutdruck messen
Normal: < 130/85 mmHg in Ruhe; optimal: < 120/80 mmHg in Ruhe
Als Ziel für Diabetiker wird zur Zeit ein mittlerer Ruhe-Blutdruck von nicht mehr als 130/85 mmHg empfohlen; optimal sind wie gesagt Blutdruckwerte von nicht mehr als 120/80 mmHg. Damit sind Blutdruckwerte in Ruhe beschrieben, unter körperlicher Belastung kann der Blutdruck selbstverständlich auch höher ansteigen. Aber die Ruhe-Blutdruckwerte erlauben den besten Vergleich und eine effektive Kontrolle. Bei der Blutdruckselbstmessung sollten Sie sich also vorher nicht anstrengen und vor der Messung auch einige Minuten ruhig sitzenbleiben. Messen Sie immer mit dem gleichen Gerät am gleichen Arm unter den gleichen Bedingungen. Und schreiben Sie die gemessenen Blutdruckwerte ebenso in ein Protokollheft, wie Sie es mit den Ergebnissen bei der Blutzuckerselbstkontrolle tun.
Medikamente? „Natürliche Behandlung“? Beides hilft!
Schon ein gering erhöhter Blutdruck muß behandelt werden, sonst steigen die Risiken zu bleibenden Schäden an den Blutgefäßen, an Gehirn, Herz, Nieren und Augen. Meist läßt sich die optimale Blutdruckeinstellung nur unter gleichzeitiger Verwendung von geeigneten Medikamenten erreichen; aber natürlich sind auch „natürliche“ Behandlungsmaßnahmen erfolgreich. Bei Übergewicht hilft die Gewichtsabnahme, mit jedem Kilo weniger sinkt der Blutdruck. Möglichst wenig Alkohol trinken und den Salzkonsum einschränken - das sind weitere Empfehlungen zur erfolgreichen Blutdrucksenkung durch natürliche Behandlungsmaßnahmen.
Fettstoffwechselstörungen sind bei Diabetikern durch erhöhte Triglyzeride, durch ein erniedrigtes HDL-Cholesterin und durch ein erhöhtes „böses“ LDL-Cholesterin charakterisiert. Fettstoffwechselstörungen jeder Art gehören zu den wichtigsten Risikofaktoren bei der Entstehung von Herz- und Gefäßkrankheiten - und ganz besonders für den Herzinfarkt. Deshalb gehören die regelmäßige Kontrolle der Blutfettwerte und die erfolgreiche Behandlung zu den wichtigsten Maßnahmen bei allen Diabetikern.
Hohe Blutfettwerte? Dann sollten Sie abnehmen
Alle Diabetiker sollten wissen, wie die Zielwerte im Fettstoffwechsel lauten. Gerade für Diabetiker sind besonders strenge, optimale Zielwerte definiert worden, da schon bei ganz geringer Störung der Blutfettwerte das Risiko zur Entwicklung eines Herzinfarktes riesig steigt.
Blutfette normalisieren
- Jeder Schritt verringert das Risiko und bessert das Befinden
- Den Lebensstil ändern, geeignete Medikamente einsetzen
Optimal:
Cholesterin < 200 mg/dl (= < 5,2 mmol/l)
LDL-Cholesterin: < 100 mg/dl (= < 2,6 mmol/l)
HDL-Cholesterin: > 45 mg/dl (= >1,1 mmol/l)
Triglyzeride:< 150 mg/dl (= < 1,7 mmol/l)
Die wichtigste Empfehlung zur natürlichen Behandlung von Fettstoffwechselstörungen lautet: Ernährung umstellen und an Gewicht abnehmen. Unter einer vernünftigen Zusammenstellung einer fettarmen und kaloriensparenden Ernährung bessern sich die Fettwerte oft deutlich. Trotzdem sind häufig zusätzliche Medikamente zur Senkung der Blutfette nötig, da die anspruchsvollen Behandlungsziele unbedingt erreicht werden müssen.
Bei Störungen: alle 3 Monate messen lassen
Fettstoffwechselstörungen sind nicht etwa nur ein Thema im höheren Lebensalter, Fettstoffwechselstörungen kommen – bei Diabetikern häufiger als bei Nichtdiabetikern – auch schon in der Jugend und überhaupt in allen Altersgruppen vor. Deshalb gehört die regelmäßige Kontrolle der Blutfette auch zum Vorsorgeprogramm, das mit dem Gesundheits-Paß Diabetes beschrieben wird und mit seinem Einsatz gesichert werden soll. Wenn die Blutfette gestört sind, müssen sie solange im Abstand von etwa drei Monaten kontrolliert werden, bis die Zielwerte erreicht und gehalten werden. Bei bleibend günstigen Blutfettwerten und bei Diabetikern ohne Fettstoffwechselstörung sollten die Blutfette dennoch mindestens einmal im Jahr ärztlich kontrolliert werden. Bewußt wurde die Normalisierung der Blutzuckerwerte ans Ende dieser Liste von Risiken gestellt. Das bedeutet nicht, daß es nicht auf normale Blutzuckerwerte ankommt; es soll vielmehr verdeutlichen, daß alle Risiken und ihre Ausschaltung eine sehr hohe Bedeutung haben - auch die erfolgreiche Beseitigung erhöhter Blutzuckerwerte.
Vergessen Sie nie die normalen Werte
Gerade bei den Blutzuckerwerten werden aber oft Kompromisse mit den Behandlungszielen gemacht, wenn Aspekte des Lebensstils und der Lebensqualität als unabänderliche Gründe für schlechtere Blutzuckerbefunde genannt werden. Natürlich sind nicht für jeden Diabetiker und für seine Blutzuckerwerte Normalbefunde notwendig und sinnvoll; und natürlich sollte man gerade auch bei den Blutzuckerwerten mit jedem Schritt hin zu normalen Befunden schon von einem Gewinn sprechen. Aber man sollte nie die eigentlich normalen Befunde vergessen, man sollte nie die eigenen erhöhten Blutzuckerwerte für „normal“ halten. Und man sollte sich nie mit schlechten Kompromissen zufrieden geben.
Blutzucker normalisieren
- Jeder Schritt verringert das Risiko und bessert das Befinden
- Auch im Alltag nie die Normalwerte vergessen
Normal:
Nüchtern: 60 – 100 mg/dl (= 3,3 – 5,6 mmol/l)
Maximal, zwei Stunden nach dem Essen: < 130 – 140 mg/dl (= < 7,2 – 7,8 mmol/l)
HbA1c
im Normbereich der Untersuchungsmethode Auch bei den Blutzuckerwerten sind Normalbefunde das Beste für Herz und Gefäße und für den Schutz vor Herz- und Gefäßkrankheiten. Anders als bei den anderen Behandlungszielen gilt es aber bei der Blutzuckernormalisierung auch, Unterzuckerungen wenn möglich zu vermeiden und schwere Unterzuckerungen auf jeden Fall auszuschließen.
Und planen Sie Behandlungsziele individuell
Den besten Schutz für Herz und Gefäße und die beste Prävention gegen die Entwicklung oder gegen das Fortschreiten von Herz- und Gefäßkrankheiten erreicht man, wenn in allen Bereichen die Risiken ausgeschaltet werden können. Doch schon auf dem Weg dahin und mit jedem Schritt in Richtung zu den anspruchsvollen Behandlungszielen wird das Risiko von Herz- und Gefäßkrankheiten verringert. Und jeder Schritt hin zu den anspruchsvollen Behandlungszielen bessert auch das subjektive Befinden.
Es ist also ein Weg hin zu den anspruchsvollen Behandlungszielen, auf dem die erreichbaren Zwischenziele immer wieder neu geplant werden können. Das Endziel sind Normalwerte, die grundsätzlich das Richtige sind; aber nicht immer sind diese Normalbefunde notwendig und sinnvoll.
Man sollte sich jedoch nicht zu weit vom Ziel entfernt zufriedengeben. Für alle Behandlungsziele und für jeden Tag gilt der berechtigte Optimismus: Jeder Schritt hin zum Ziel verringert das Risiko und bessert das Befinden.