Blutdruck und Diabetes: ein lange verkannter Zusammenhang

Hypertonie (= erhöhter Blutdruck) wurde als Krankheit viel später erkannt als Diabetes mellitus. Während es im 19. Jahrhundert schon dicke Lehrbücher über den Diabetes gab, wurde die der heutigen vergleichbare Blutdruckmeßmethode erst 1896 von Scipione Riva Rocci beschrieben. Der russische Arzt Nikolai Korotkoff entdeckte 1905 eine Methode neben dem oberen (systolischen) auch den unteren (diastolischen) Blutdruckwert zu messen. Er benutzte dazu ein Hörrohr; auf seiner Methode beruhen die heute noch üblichen Methoden zur Messung des Blutdrucks.

Daß der erhöhte Blutdruck für Herz und Gefäße extrem gefährlich ist, war lange unbekannt; noch länger hat man gebraucht, um die Notwendigkeit der Senkung eines erhöhten Blutdrucks zu erkennen.

Die Ärzte lernten im Studium, daß es unklar sei, ob sich die Senkung des Blutdruckes lohne, so in Magnus Alderslebens Lehrbuch 1932:

„Bei nüchterner Betrachtung muß man gestehen, daß die Diskussion über den Nutzen der medikamentösen Blutdruckherabsetzung eigentlich nur an den grünen Tisch gehört.“

Erst nach Einführung der ersten wirksamen Medikamente gegen Hypertonie wurde nachgewiesen, daß eine Behandlung der Hypertonie die katastrophalen Folgekrankheiten wie Schlaganfälle, Herzversagen, Nierenversagen und Durchblutungsstörungen verhindern kann.

Heute gehört die frühe Erkennung eines erhöhten Blutdruckes zu den unbedingt notwendigen Untersuchungen bei Menschen mit Diabetes. Ist der Blutdruck erhöht, lernen Betroffene in Schulungsprogrammen, den Blutdruck selbst zu messen. Letzteres war nicht immer so. Die beiden Diabetologen, die in Ost- und Westdeutschland jahrzehntelang Patienten und Ärzte beeinflußt haben – Prof. G. Katsch in Greifswald und Prof. F. Bertram in Hamburg –, interessierten ihre Leser kaum für die bei Diabetes so häufige Hypertonie.

In dem Buch „Von Azeton bis Zucker“ von Prof. Katsch steht unverändert von der zweiten (die erste besitzen wir leider nicht) bis zur sechsten Auflage folgender Text:

„Blutdruckzahlen braucht der Diabetiker nicht zu wissen. Sie werden meist falsch verstanden und stürzen ihn nur in Unruhe und Besorgnis.“

Ganz anders heute: Der Betroffene selbst mißt seine Blutdruckwerte und sorgt selbst für eine erfolgreiche Behandlung. Prof. Bertrams Buch für Ärzte „Die Zuckerkrankheit“ enthält 1934 nur 6 Zeilen über Hypertonie. In Bertrams weit verbreitetem Buch für Patienten „ABC für Zuckerkranke“ (11. Auflage 1960) sucht man den Begriff Blutdruck vergebens zwischen den Begriffen Bier und Blutwurst im Inhaltsverzeichnis. In seinem Buch für Ärzte wird immerhin in der 4. Auflage kurz auf den Blutdruck eingegangen – aber die Patienten sollten damals nicht zu viel wissen.

Heute steht – besonders nach den Ergebnissen der UKPDS 1998 – die Erkennung und Behandlung einer Hypertonie mit an erster Stelle. Wer zusätzlich zum Diabetes einen hohen Blutdruck hat, ist erheblich mehr gefährdet, an Herz- Kreislaufleiden zu erkranken. Prof. Harry Keen, Ehrenmitglied der Europäischen Gesellschaft für Diabetologie (EASD), der übrigens auch die erste subkutane Insulinpumpe erfand, hielt 1987 in Leipzig die Claude-Bernard-Vorlesung. Das Thema lautete: The bad compagnions ( = Die bösen Spießgesellen). Damit meinte er das gefährliche Zusammentreffen von hohem Blutdruck und Diabetes. Heutzutage sollten Menschen mit Diabetes den Arzt wechseln, wenn er nicht regelmäßig den Blutdruck kontrolliert und wenn er - im Falle, daß der Blutdruck gesenkt werden muß - weder die Selbstmessung des Blutdrucks ermöglicht noch ein Schulungsprogramm für Menschen mit Hypertonie anbietet.

Mit freundlicher Genehmigung von

29.07.2003
Dr. med. V. Jörgens, Dr. med. Monika Grüßer
Diabetes-Journal, Heft 12, 2002