Probleme an den Spritzstellen vermeiden

Ein typischer Fall: ... Jürgen F. ist ein Patient mit typischen Spritzstellenproblemen. Herr F. ist 27 Jahre alt und hat seit 16 Jahren einen Diabetes mellitus Typ 1. Mit der intensivierten Insulintherapie erreichte er in den letzten 10 Jahren immer HbA1c-Werte unter 7 Prozent, hatte keine schweren Hypoglykämien und war mit seiner Diabetestherapie und ihren Ergebnissen eigentlich sehr zufrieden. In den letzten Monaten jedoch hat sich ein Problem verstärkt, das eigentlich schon etwas länger bestand: Die Blutzuckerwerte zeigen nicht erklärbare Schwankungen. So konnte der Blutzuckerwert vor dem Mittagessen 70 oder 270 mg/dl (= 4 oder 15 mmol/l) betragen, und das bei gleichen Ausgangswerten am Morgen, gleicher Insulindosis, gleichem Essen und gleicher körperlicher Aktivität. Zusätzlich hat der Insulinbedarf bei gleich bleibendem Körpergewicht zugenommen.

Die Ursache für diese nicht erklärbaren, häufigen, starken Blutzuckerschwankungen sind meistens Veränderungen an den Spritzstellen. Und so zeigten sich bei der Untersuchung von Herrn F. auch deutliche Veränderungen der Spritzstellen am Bauch.
Herr F. hatte während der letzten Jahre mit seinem Pen alle Esseninsulindosen in die beiden sichtbar veränderten Bereiche, links und rechts, knapp unterhalb des Bauchnabels gespritzt - also auf eine Fläche, die jeweils nicht größer als 3 x 3 cm war. Nachdem das Problem dieser Spritzstellen mit Herrn F. besprochen war, wurden die Insulindosen vorsorglich um 20 Prozent vermindert (bessere Insulinwirkung außerhalb dieser Spritzstellen!). Als Herr F. nicht mehr in diese Stelle spritzte, waren die Blutglukosewerte wieder wesentlich gleichmäßiger, und der Insulinbedarf ging zurück. Diese beschriebenen veränderten Spritzstellen treten häufig bei Patienten auf, die Insulin spritzen. Nach einer Untersuchung aus Schweden sollen 20 bis 25 Prozent der Patienten, also jeder vierte bis fünfte, betroffen sein.

Wenn Fettzellen wachsen und Freßzellen sich sammeln...

Die natürliche Insulinkonzentration im Unterhautfettgewebe beträgt 0,00001 – 0,0001 E/ml. In den Insulinpatronen sind 100 E/ml, in den Insulinfläschchen zum Aufziehen 40 E/ml. Nach der Insulininjektion befindet sich also in einem kleinen Bezirk im Unterhautfettgewebe eine Insulinkonzentration, die über den Faktor 100000 über der natürlichen Konzentration liegt: Dies ist eigentlich kein Problem, wenn das Gewebe danach ausreichend Zeit hat, sich zu erholen. Erfolgen die Injektionen jedoch häufig 3mal täglich und jeden Tag in nahezu dieselben Bereiche, kommt es zu Reaktionen im Fettgewebe:

■ Die Fettzellen wachsen (Lipohypertrophie). Wir sehen die Schwellung des Unterhautfettgewebes im Bild.
■ Es sammeln sich weiße Blutkörperchen und Freßzellen im Gewebe an. Ein Teil dieser Zellen kann Insulin zerstören.
■ Es bildet sich Narbengewebe. Dies ist nur wenig durchblutet, und Insulin aus diesem Bereich benötigt sehr lange Zeit zur Resorption.
■ Es bilden sich neue Gefäße. Insulin, das in die Nähe dieser Gefäße gespritzt wurde, wird schnell und vollständig resorbiert.

Die Veränderungen zusammen führen zu einem Anstieg des Insulinbedarfs und insbesondere zu ganz schwankenden Resorptionsverhältnissen, die der Patient als schwankende Blutzuckerwerte wahrnimmt.

Veränderungen können sich wieder zurückbilden!

Die Fettgewebsveränderungen bilden sich, wenn hier kein Insulin mehr gespritzt wird, wieder zurück. Dies geschieht jedoch sehr langsam, benötigt zum Teil ein bis zwei Jahre. Gefährlich sind diese Veränderungen nur wegen der wechselnden Insulinresorption aus diesen Bereichen. Bösartige Tumore können sich hieraus jedoch nicht bilden.

Einmal im Monat Spritzstellen kontrollieren!

Jeder Diabetiker sollte einmal im Monat auch die Spritzstellen kontrollieren: Dazu sollte man diese einmal anschauen, am besten mit Hilfe eines Spiegels von der Seite. Zeigt sich hier eine Schwellung/Vorwölbung und sieht man viele Einstichstellen direkt nebeneinander, so sind dieses Hinweise auf Fettgewebsveränderungen und ein Spritzstellenproblem. Man kann auch die Spritzareale abtasten, um evtl. Verhärtungen zu finden. Sollten sich solche Veränderungen zeigen, dann sollte es mit dem Arzt besprochen werden. Der Patient sollte überlegen, was die Ursache für das häufige Spritzen an denselben Stellen war. War es Unachtsamkeit, oder spielen besondere Ängste ein Problem?

Wechseln Sie die Spritzstellen bei jeder Injektion

Die Spritzstellen sollten bei jeder Injektion gewechselt werden, d. h. mindestens 2 cm von den letzten Injektionsstellen entfernt sein. Dabei sollte das gesamte mögliche Injektionsareal ausgenutzt werden. Dann wird jeder Bezirk in diesem Fettgewebe nur einmal in 6 bis 8 Wochen für eine Injektion genutzt. Dazu hilft ein gedanklicher Spritzstellenplan wie in der Abbildung dargestellt.

Angenehm: Falten bilden beim Spritzen

Der Aufbau der Haut, besteht unsere Haut aus Oberhaut und Lederhaut, beide zusammen sind beim Erwachsenen 4 – 6 mm dick. Beim älteren und übergewichtigen Menschen können es auch 8 mm sein. Darunter liegt das Unterhautfettgewebe, dessen Dicke ganz erheblich abhängig vom Körpergewicht und von der Körperregion schwanken kann. Es ist im Oberarmbereich relativ dünn, so daß dieser Injektionsbezirk heute auch überhaupt nicht mehr empfohlen wird. Am Bauch, Oberschenkel und am Gesäß ist das Unterhautfettgewebe relativ stark ausgebildet; es beträgt in der Regel 10 mm, bei Übergewichtigen auch deutlich mehr.
Für Injektionen kann man eine Hautfalte bilden, dies wird von vielen Menschen als angenehm erlebt, da es den Injektionsschmerz, zumindest subjektiv, deutlich vermindert. Durch diese Faltenbildung erhöht sich die Schichttiefe des Unterhautfettgewebes.
Die Nadellänge sollte nun so gewählt werden, daß das Unterhautfettgewebe sicher erreicht wird, aber noch nicht die Muskulatur. Die Injektion in die Lederhaut oder auch Oberhaut kann zu einer Allergiebildung oder zu anderen lokalen Reaktionen führen. Übergewichtige Erwachsene sollten die 12 mm bzw. 12,7 mm langen Kanülen benutzen. Bei schlanken Erwachsenen kann auch die 8-mm-Kanüle verwandt werden. Kürzere Nadeln würden bei Erwachsenen jedoch häufig das subkutane Fettgewebe nicht erreichen.

Kurze Nadeln: nur für Kinder oder Schlanke

Kurze Nadeln sollten daher eigentlich nur von Kindern oder sehr schlanken Personen benutzt werden. Die Länge der Kanülen ist nicht entscheidend für die Schmerzhaftigkeit der Injektion. Schmerzen bei den Injektionen können eigentlich nur auftreten, wenn die Nadeln dicker wären oder wenn sie stumpf sind. Subjektiv sieht eine kürzere Nadel natürlich viel ungefährlicher, ja friedlicher aus, und deshalb ist die Annahme, sie würde weniger Schmerzen verursachen, logisch, objektiv, aber falsch.

Mit freundlicher Genehmigung von

29.09.2003
Prof. Dr. med. Manfred Dreyer, Bethanien-Krankenhaus Hamburg
Diabetes-Journal Heft 10, 2003, Seite: