Optimale Insulintherapie: Schlüssel für ein unbeschwertes Leben
Wenn sie richtig angewendet werden, bieten moderne Insuline Diabetikern eine naturnahe Blutzuckerregulation und schützen sie vor den Folgeschäden der Stoffwechselstörung. Eine optimal konzipierte Insulintherapie ist aber auch der Schlüssel für ein unbeschwertes Leben, in dem Diabetiker heute möglichst wenig Einschränkungen hinnehmen müssen. Um dieses hohe Maß an Freiheit und Flexibilität in Ernährung, Beruf und Privatleben zu erreichen, war intensive Forschungsarbeit notwendig. Welche wichtigen Errungenschaften in der Insulintherapie gelungen sind, und welche Bedeutung sie für Diabetiker haben, fragten wir Professor Dr. med. Klaus H. Usadel, Direktor der Medizinischen Klinik I, Zentrum der Inneren Medizin, Universität Frankfurt.Diabetes Ring:
Was sind die wesentlichen Verbesserungen bei den modernen Insulinen seit der Entdeckung des Hormons in den 20er Jahren?
Prof. Usadel:
Hierbei handelt es sich im wesentlichen um die Entwicklung der Humaninsuline. Sie sind mit dem endogenen, d. h. dem körpereigenen Hormon des Menschen identisch. Dadurch kommt es zu geringeren Antikörperbildungen als bei tierischen Insulinen.
Auch die Wirkung der Verzögerungsinsuline ist besser geworden, jedoch noch nicht perfekt. Das Ziel der Forschung muß es hier sein, eine gleichmäßigere Wirkung zu erzielen. Die neueste Entwicklung sind kurz-wirksame Analog-Insuline.
Diabetes Ring:
In Deutschland stehen über 40 verschiedene Insuline zur Verfügung.
Warum entwickelt man trotz dieser großen Auswahl noch immer neue Insuline?
Prof. Usadel:
Die Behandlung mit herkömmlichen Humaninsulinen erfolgt nach einem individuellen, aber doch festen Schema: Der Diabetiker muß sich etwa 30 Minuten vor der Mahlzeit sein Insulin spritzen, um eine optimale Blutzuckereinstellung zu erzielen. Neue, kurz wirksame Insuline, wie zum Beispiel Insulin lispro, können ohne Spritz-Eß-Abstand eingesetzt werden, weil sie sofort nach der Injektion zu wirken beginnen. Andererseits hält die Wirkung im Körper nicht so lange vor wie bei den herkömmlichen Humaninsulinen. Das heißt, die Gefahr der Unterzuckerung nach Mahlzeiten ist geringer. Höher ist sie bei Normalinsulin, weil dessen Wirkung auch dann noch andauert, wenn die essensbedingten Blutzuckerspitzen schon wieder abgebaut sind. Das ist auch der Grund, warum mit Normalinsulin Zwischenmahlzeiten eingenommen werden müssen. Mit sehr kurz wirksamen Insulinen kann auf Zwischenmahlzeiten weitgehend verzichtet werden.
Diabetes Ring:
Was ändert sich im Tagesablauf eines Diabetikers, der auf ein ganz kurz wirksames Insulin eingestellt wird?
Prof. Usadel:
Besonders spontanes "Auswärtsessen", zum Beispiel in der Kantine oder im Restaurant, wird einfacher. Unsicherheitsfaktoren waren dabei bisher, wann das Essen serviert wird und wie die Portionen ausfallen würden. Mit dem neuen Analog-Insulin kann der Diabetiker unmittelbar vor dem Essen einschätzen, wieviel Insulin er benötigt und sich dann die entsprechende Menge injizieren. Der Wegfall des Spritz-Eß-Abstands macht die Insulintherapie also insgesamt komfortabler.
Stellen Sie sich zum Beispiel eine junge Frau vor, die mitten im Berufsleben steht. Ein wichtiger Anruf oder eine kurzfristig anberaumte Besprechung können ihre Zeitplanung über den Haufen werfen: Sie muß eine geplante Mahlzeit verschieben, hat sich aber das Insulin bereits gespritzt. In dieser Situation läuft sie Gefahr, in den Bereich der Unterzuckerung zu kommen, weil die Wirkung des Insulins einsetzt.
Diabetes Ring:
Ist mit der heutigen Insulintherapie das Optimum erreicht oder gibt es noch Verbesserungsmöglichkeiten?
Prof. Usadel:
Es gibt sicherlich noch weitere Verbesserungsmöglichkeiten. Diese sehe ich insbesondere im Bereich der Verzögerungsinsuline. Hier sollte auf gleichmäßigere Profile hingearbeitet werden.
Diabetes Ring: Herzlichen Dank für das Gespräch.