"Brittle-Diabetes": wenn der Zucker schwankt - und das Leben!
Haben Sie schon einmal etwas von Brittle-Diabetes gehört? Das englische „brittle“ heißt übersetzt „bröcklig, zerbrechlich, spröde, reizbar, labil“. Aber was versteht man unter diesem labilen Diabetes? Eine neue „Unterform“ des Diabetes mellitus? Lesen Sie den Artikel von Privatdozent Dr. med. Andreas Fritsche (Tübingen).
Neu ist diese Diabetes-Form nicht: In den 80er und 90er Jahren war dieser Begriff weit verbreitet: Er bezog sich hauptsächlich auf jugendliche Diabetespatienten (mit Typ-1-Diabetes), die Insulin spritzen; der Begriff Brittle-Diabetes wird auch als eine „Instabilität des Stoffwechsels“ definiert, die „zur Zerrüttung des Lebens“ führt. Wichtig sind also offenbar bei diesem Diabetestyp die Labilität und die stark schwankenden Blutzuckerwerte, die auch oft als „Entgleisung des Stoffwechsels“ bezeichnet werden. In medizinischen Lehrbüchern werden unter dem Brittle-Diabetes drei verschiedene „Problemtypen“ verstanden: Blutzucker zu hoch, zu niedrig oder beides (siehe Tabelle).
Tabelle: Brittle-Diabetes: klinische Syndrome
1. Menschen mit Diabetes mellitus, die hohe Insulindosierungen brauchen (also eine Insulinresistenz haben) und trotzdem immer zu hohe Blutzuckerwerte zeigen. Solche Menschen haben oft auch eine Übersäuerung des Blutes („Ketoazidose“), obwohl sie ungewöhnlich hohe Insulindosierungen spritzen.
2. Menschen mit Diabetes, die immer wieder schwere Unterzuckerungen (Hypoglykämien) mit Bewußtlosigkeit haben und ihre Hypoglykämien nicht wahrnehmen.
3. Eine Mischform aus 1. und 2., also Menschen mit Diabetes mellitus, die einerseits oft stark erhöhte Blutzuckerwerte und dann wieder schwere Hypoglykämien haben.
Wenn man Ärzte fragt, was sie unter dem Brittle-Diabetes verstehen, so kommen Antworten wie: „Solch einen Diabetes haben die Problempatienten“, „solche Patienten sind schwer zu behandeln“, „solche Patienten haben psychische Probleme“, „sie setzen ihre Therapie nicht um“. Weit verbreitet ist auch die Ansicht, daß solche Patienten „noch eine zusätzliche Erkrankung zu ihrem Diabetes dazu“ haben.
Starke Schwankungen: welche Ursachen?
Man hat lange nach Ursachen gesucht, warum bei vielen Diabetikern der Blutzucker so stark schwankt: Grundsätzlich ist zu sagen, daß bei Typ-1-Diabetikern, die unter einem absoluten Insulinmangel leiden, der Blutzucker stärker schwankt als bei Typ-2-Diabetikern, die selbst noch Insulin herstellen (wenn auch nicht in genügender Menge). Spritzen Typ-1-Diabetiker nun eine Insulinmenge, die nicht optimal abgestimmt ist auf den aktuellen Blutzucker und die gegessenen Kohlenhydrate, so führt das zu schwankenden Blutzuckerwerten. Bei Typ-2-Diabetikern kann das von der eigenen Bauchspeicheldrüse hergestellte Insulin „Fehldosierungen“ eher ausgleichen; deshalb kommt der schwankende Brittle-Diabetes häufig beim Typ 1 vor. Ein langjähriger Typ-2-Diabetes allerdings führt auch zu Insulinmangel, so daß gerade ältere Typ-2-Diabetespatienten mit schwankenden Blutzuckerwerten zu kämpfen haben.
Schwankender Blutzucker – viele Theorien
Liegt aber bei Patienten mit schwankender, instabiler Stoffwechseleinstellung eine zusätzliche, gemeinsame Krankheit vor? Lange Zeit haben Ärzte hiernach gesucht: Es wurde angenommen, daß diese Patienten eine besonders schlechte Insulinwirkung haben (Insulinresistenz). Besonders zu Zeiten von Rinder- und Schweineinsulin nahm man an, daß hier auch Insulinunverträglichkeiten vorliegen könnten. Weiterhin wurde spekuliert, ob andere Drüsenerkrankungen wie zum Beispiel die der Schilddrüse, der Hirnanhangdrüse oder der Nebenniere für den schwankenden Blutzucker der Brittle-Patienten verantwortlich sein könnten. Auch wurde angenommen, daß Unregelmäßigkeiten im Magen-Darm-Trakt zu unberechenbarer Nahrungsaufnahme führen und so den Blutzucker zum Schwanken bringen würden. Eine weitere Theorie bestand darin, daß alleine die ein- oder zweimalige Gabe pro Tag großer Mengen Insulin, wie es vor 30-40 Jahren üblich war, zu einer „Überinsulinierung“, Insulinresistenz und dann auch schwankenden Blutzuckerwerten führen würde.
Alle diese Theorien konnten aber nicht bestätigt werden. Im allgemeinen lag bei Patienten mit stark schwankenden Blutzuckerwerten keine weitere Erkrankung der Drüsen oder ähnliches vor. Was aber dann?
Eher ein psychologisches Problem...
Auffallend ist, daß bei vielen Patienten der Blutzucker in Lebensphasen schwankt, die von großen Umwälzungen gekennzeichnet sind: Besonders viele Brittle-Diabetespatienten soll es in der Pubertät geben - ist das Leben schwankend, schwankt auch der Diabetes. Ferner zeigt sich, daß über die Hälfte aller „Brittle“-Diabetespatienten selbst unbewußt durch falsches Verhalten den Blutzucker ins Schlingern bringt: zum Beispiel durch Weglassen der Insulininjektion oder durch zu viel Spritzen. Dies geschieht aber meist nicht absichtlich, sondern dadurch, daß die Diabeteserkrankung nicht beachtet oder gar verdrängt wird. Auch bestehen bei einem weiteren Viertel der Patienten Verständnisschwierigkeiten, mit dem Diabetes umzugehen.
Der schwankende Blutzucker ist also wohl eher ein psychologisches Problem und ein Problem der Verarbeitung des Diabetes im täglichen Leben.
Schwankender Blutzucker – schwankender Arzt!
Was passiert, wenn ein Diabetespatient mit instabilem, schwankendem Blutzucker zum Arzt geht? Dieser macht sich Gedanken über die Therapie, es wird eine Diabetesschulung durchgeführt, obwohl meist schon viele Schulungen zuvor stattgefunden haben. Die Insulintherapie wird oft umgestellt, es werden neue Insuline empfohlen. Wenn sich durch die Umstellungen nicht gleich der erhoffte Erfolg einstellt und der Patient weiterhin stark unter seinen schwankenden Blutzuckerwerten leidet, wird oft ein neues der vielen Insuline, die auf dem Markt sind, ausprobiert. Oder der Patient wechselt enttäuscht den Arzt und geht in die nächste Schwerpunktpraxis oder ins nächste Diabeteszentrum. Hier wird dann die Therapie wieder umgestellt – und wieder mal das neueste Insulin ausprobiert, oft auch nur deshalb, weil es der Patient fordert. Dies alles führt dazu, daß nicht nur der Blutzucker des Patienten ins Schwingen und Schlingern gerät: Auch der Arzt schlingert jetzt mit, es kommt zum „Brittle-Doktor“.
Was kann man nun tun?
Oft wird in medizinischen Fachzeitschriften empfohlen, Patienten mit schwankendem Blutzucker mit einer Insulinpumpe zu behandeln. In letzter Zeit wird als Grund für eine Bauchspeicheldrüsen- oder Inselzelltransplantation auch immer der Brittle-Diabetes angegeben. Was aber ist zu tun bei einem schwankenden Blutzucker?
Zunächst sollte auf die oft schwankende Lebenssituation eingegangen werden. Die heutigen Insulintherapien geben ein großes Maß an Freiheit. Jedoch ist es nicht möglich, sich alle Freiheiten zu nehmen und sie mit einer ausgefeilten Insulintherapie auszugleichen. Ein geregeltes Leben hilft, einen geregelten Blutzucker zu erreichen.
Mit immer mehr Korrekturen und immer ausgefeilteren Korrekturregeln wird manchmal erreicht, daß die Schwankungen mehr aufgeschaukelt als beruhigt werden. Eine solide Grundlage der Insulintherapie ist auch wichtig für eine gefestigte Einstellung. So wird gelegentlich vor lauter Korrigieren des Blutzuckers auch zu den Zwischenmahlzeiten das Mahlzeiteninsulin immer mehr gesteigert und die Basalinsulindosis reduziert. Auf eine ausgewogene Mischung beider Komponenten einer physiologischen Insulintherapie muß dann besonders geachtet werden. Und vor allem: Ständiges Wechseln der Insulinmarke hilft meist nicht viel. Die Insulinsorte bringt bei der Feinjustierung etwas, wenn aber der Blutzucker noch stürmisch verläuft, ist es oft egal, welches Insulin gespritzt wird.
Diabetiker sollten auch vermeiden, ständig den Arzt zu wechseln: Dies vermehrt meist nur die Schwankungen.
Natürlich ist die Hinzuziehung eines Experten oft nötig, aber dann sollten alle an der Therapie beteiligten Ärzte voneinander wissen und zusammenarbeiten.
Das Fazit
Wenn ein Auto in einer Kurve auszubrechen droht, so muß mit einer ruhigen Fahrweise darauf reagiert werden und nicht mit Hektik. Ein „untersteuerndes“ Fahrverhalten wird in Autotests als gut für die Kurvenstabilität des Fahrzeugs beschrieben. Solches „Untersteuern“ ist auch für die „Blutzuckerlenkung“ gut. Also kein hektisches Korrigieren! Der schwankende Blutzucker ist meist keine zusätzliche Erkrankung, sondern ein Abbild anderer Schwierigkeiten mit der augenblicklichen Lebenssituation. Diese sollte in den Griff gebracht werden, gleichzeitig kann dann an der Insulintherapie gearbeitet werden. Wenn der Blutzuckerlangzeitwert (HbA1c-Wert) viel zu hoch ist, wenn der Zucker nach oben ausbricht (Ketoazidose) oder schwere Hypoglykämien vorkommen, dann ist das auf jeden Fall gefährlich. Das alleinige Schwanken des Blutzuckers kann man aber nicht völlig abstellen – dies macht auch nichts aus, solange der HbA1c-Wert gut ist, und gehört zum Leben eines Typ-1-Diabetikers.