Diabetes und Rauchen: unheilvoll!

Wir haben in vielen Artikeln darauf hingewiesen, in welch besonderem Maße Menschen alleine schon aufgrund der Tatsache, daß sie Diabetes haben, gefährdet sind - bezüglich Durchblutungsstörungen der Herzkranzgefäße, der hirnversorgenden Arterien, aber auch der Beinarterien. Durchblutungsstörungen sind darüber hinaus eine besondere Gefahr für sehr stark durchblutete Organe wie die Niere und sehr „sauerstoffsensible“ Regionen wie die Netzhaut der Augen. Viele Risikofaktoren wie Bluthochdruck, Fettstoffwechselstörungen und auch das Übergewicht verschlechtern die Durchblutung – und ein besonderer, vermeidbarer Risikofaktor ist das Rauchen!

Die Ostdeutschen rauchen mehr

In Deutschland rauchen etwa 22 Prozent aller Frauen und ca. 36 Prozent aller Männer über 15 Jahre. In Ostdeutschland sind die Zahlen insgesamt sogar noch etwas höher.
Kein anderes „Genußgift“ hat einen vergleichbar starken Einfluß auf die Gesamtsterblichkeit der Menschen in Deutschland, weshalb gerade vorbeugende Maßnahmen – also erst gar nicht mit dem Rauchen anzufangen – einen hohen Stellenwert haben sollten. Die meisten Raucher fangen nämlich im Jugend- oder frühen Erwachsenenalter an zu rauchen, wobei im Laufe der Zeit Gewöhnung und Abhängigkeit dazu führen, den Tabakkonsum fortzusetzen. Dabei wissen die meisten Raucher selbst um die Gesundheitsgefährdung, viele nehmen jedoch teilweise bewußt das Risiko auf sich: Sie bewerten häufig die positiven Konsequenzen des Rauchens höher als die negativen oder fühlen sich abhängig vom Nikotin.

Rauchen befriedigt unmittelbar...

Etwa die Hälfte aller jugendlichen Raucher nennt unmittelbare Befriedigung durch das Rauchen als Motiv – „weil ich gern rauche“, „weil es mir schmeckt“, „weil es mich beruhigt“; diese Einstellungen spiegeln sich auch in der Werbung wider.
Etwa 25 bis 50 Prozent der jugendlichen Raucher nennen daneben soziale Gründe („Rauchen steckt an“). Bei vielen Jugendlichen spielen auch soziale Normen, das Verhalten der Vorbilder und auch der Druck in der Bezugsgruppe der Jugendlichen (Peergroup) eine wichtige Rolle beim Beginn des Rauchens. Der Gruppeneffekt kann aber auch das Nichtrauchen fördern. Bei regelmäßigem Rauchen tritt in vielen Fällen zu der Gewöhnung schließlich auch eine Abhängigkeit, die es häufig erschwert, mit dem Rauchen aufzuhören.

...und macht krank!

Neben den zuvor angesprochenen Durchblutungsstörungen, die vor allem durch das Nikotin verursacht werden, wird das Rauchen für eine Reihe von weiteren Krankheiten verantwortlich gemacht: Zu nennen sind Krebs in Form des Lungenkrebs und Erkrankungen der Atmungsorgane, besonders in Form der chronischen Bronchitis. Aber auch das Auftreten von Magengeschwüren, das deutlich erniedrigte Geburtsgewicht von Kindern bei Raucherinnen und der plötzliche Kindstod wird im Zusammenhang mit dem Rauchen genannt. In Kombination mit Alkohol kommt es zu einem gesteigerten Risiko von Mundhöhlenkrebs. Und Raucherinnen, die gleichzeitig die „Antibabypille“ nehmen, haben ein deutlich erhöhtes Thromboserisiko. Dazu gibt es für Diabetiker ganz besondere Risiken.

Die Gesamtsterblichkeit, die auf das Rauchen für einzelne Krankheiten zurückgeführt wird, beträgt zum Teil bis zu 90 Prozent. Das Lungenkrebs-Risiko ist bei männlichen Rauchern mehr als 20mal höher, das Kehlkopfkrebs-Risiko mehr als 10mal so hoch wie bei Nichtrauchern. Mehr als 80 bis 90 Prozent des Risikos für Lungenkrebs und Kehlkopfkrebs werden auf das Rauchen zurückgeführt. Man schätzt, daß in Deutschland gegenwärtig etwa pro Jahr 90 000 bis 140 000 Menschen an den Folgen des Tabakkonsums sterben. Dabei ist es letztlich egal, ob Sie Zigaretten auf Lunge rauchen oder Zigarillos bzw. Zigarren oder Pfeife nur „paffen“: Über die Mundschleimhaut wird in jedem Falle das für die Gefäße schädliche Nikotin aufgenommen.

Auch Passivrauchen: gefährlich!

Wir wissen heute, daß auch das Passivrauchen, also das unfreiwillige Einatmen von Tabakrauch, einen stark negativen Einfluß auf die menschliche Gesundheit hat. Es ist bekannt, daß vor allem im Alter Kinder bis zu 5 Jahren vermehrt akute und chronische Erkrankungen der Atmungsorgane haben, wenn sie regelmäßig in der Familie durch Eltern oder andere Angehörige Tabakrauch ausgesetzt sind. Auch bei Erwachsenen ist bekannt, daß durch das Passivrauchen Atemwegserkrankungen verursacht und unterhalten werden. Auch das Risiko für koronare Herzerkrankung und Lungenkrebs scheint gesteigert zu sein.

Wie aber aufhören?

Viele Raucher brauchen professionelle Unterstützung, um mit dem Rauchen kurz- oder langfristig aufzuhören. Die Erfolgschancen sind generell dann höher, wenn es sich um eine eher leichtere Form des Rauchens handelt als um eine ausgeprägte Abhängigkeit. Und die Aussichten sind dann gut, wenn keine früheren Entwöhnungsversuche unternommen wurden und die Motivation besonders hoch ist. Die meisten professionellen Therapeuten arbeiten verhaltensmedizinisch, denn die rein medikamentösen Behandlungsmethoden können bestimmte Verhaltensweisen nicht durchbrechen, um sofort mit dem Rauchen aufhören zu können.

Kaugummi und Pflaster helfen vorübergehend

Unterstützen können heute vorübergehend Nikotinersatzpräparate, die es zum Beispiel als Nikotinkaugummi, Nikotinpflaster oder auch Nikotinspray gibt; in der Regel ist das Konzept so geschneidert, daß wöchentlich die Menge an Nikotin im Pflaster oder Kaugummi reduziert wird, um so schrittweise zu entwöhnen. Sowohl das Pflaster als auch der Kaugummi sind rezeptfrei in der Apotheke erhältlich. All diese Maßnahmen sind jedoch unbedingt mit dem behandelnden Arzt und nicht in Form einer Selbsttherapie durchzuführen. Wie zuvor schon beschrieben, führt Nikotin zu einer Gefäßverengung, so daß die Kombination von Kaugummi und Pflaster bereits selbst gefäßverengend wirken und damit zu Schäden führen kann - ihr Gebrauch ist also nicht ganz unproblematisch. Deshalb sind insgesamt alle Nikotinersatzpräparate in ihrer Anwendungsdauer auf etwa 6 Monate begrenzt. Am besten ist es natürlich, wenn Sie ohne Nikotinersatzstoffe zurechtkommen - und ohne Entzugserscheinungen wie Reizbarkeit, Herzklopfen, Müdigkeit und Konzentrationsstörung.

Verhaltenstherapie: Zigarettenrauch meiden!

Verhaltenstherapeutische Ansätze berücksichtigen zum Beispiel, daß Sie Gesellschaften meiden, in denen regelmäßig geraucht wird - zum Beispiel Kneipenbesuche; und daß Sie sich gelegentlich für Ihre Nikotinabstinenz belohnen, jedoch nicht mit einer Zigarette; und daß sie insbesondere auch die Gelegenheit nutzen, wieder mit Ausdauersport und einer Tätigkeit in der freien Natur zu beginnen - denken Sie z.B. an Radfahren, Gartenarbeit. Sie werden letztlich damit belohnt, daß zunächst einmal Ihre Kleider und die Wohnung nicht mehr nach Nikotin riechen, der Geschmacks- und Geruchssinn wieder geschärft wird und Sie wieder merken, wie schön es ist, frische Luft im Freien einzuatmen...

Es ist schizophren ...

dies alles mit der Gewißheit, daß nach etwa 10 bis 15 Jahren auch bei bisherigen Rauchern das Risiko für Lungenkrebs und Herzinfarkt, aber auch Durchblutungsstörungen sich dem eines Nichtrauchers wieder annähert. Raucherentwöhnungstraining, wie wir es in unserer Klinik auch anbieten, soll schließlich dazu beitragen, jeden Diabetiker, der noch raucht, dazu zu bewegen, mit dieser für ihn schädlichen Gewohnheit oder auch Abhängigkeit so schnell wie möglich aufzuhören.
Oft genug muß ich Patienten gegenüber betonen, daß wir nicht gegen den Raucher, sondern gegen das Rauchen sind: Denn es scheint schizophren, daß wir gerade bei Diabetikern alles tun, um die Blutgefäße besser zu durchbluten - und auf der anderen Seite Patienten oft absichtlich mehrfach pro Tag, manche sogar ½-stündlich, ihre Gefäße bewußt verengen. Nichtrauchen sollte für jeden Diabetiker eines seiner obersten Ziele für die Zukunft sein!

Professionelle Hilfe

Wenn Sie professionelle Hilfe brauchen, scheuen Sie sich nicht, mit Ihrem Hausarzt oder Diabetologen/Psychologen darüber zu sprechen (insbesondere wenn dieser selbst nicht raucht!). Weitere Hilfe bekommen Sie auch über das Rauchertelefon des Deutschen Krebsforschungszentrums, (& 06221/424200) sowie über die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung in Köln (& 0221/892031).
Viel Erfolg.

Mit freundlicher Genehmigung von

30.09.2003
Dr. med. G.-W. Schmeisl, Dr. med. Ursula Odenthal
Diabetes-Journal Heft 10,2003, Seite: 57-60