Minkowski: als Diabetesforscher an Lenins Krankenbett
Oskar Minkowski entdeckte 1889 in Straßburg, daß Diabetes entsteht, wenn die Bauchspeicheldrüse entfernt wird. Diese Entdeckung war die Grundlage zur späteren Entdeckung des Insulins. Als Kliniker war er Deutschlands führender Diabetologe und berühmter Internist, er wurde sogar an Lenins Krankenbett gebeten. Minkowski leitete das erste Insulinkomitee in Deutschland. Auch andere Mitglieder seiner Familie waren weltberühmte Forscher – Deutschland hat es ihnen nicht gedankt, der Sohn Oskar Minkowskis mußte wie auch seine Witwe Deutschland verlassen. Ein Grund mehr, in Deutschland an Minkowskis herausragende Leistungen zu erinnern.
Oskar Minkowski wurde am 13.1.1858 in Alexoten (Kaunas) in Litauen geboren. Er stammte aus einer jüdischen Familie, die später nach Königsberg ins damalige Königreich Preußen auswanderte. Er ging erst in Kaunas zur Schule, das Schulgebäude ist heute noch erhalten. Später besuchte er das alte Gymnasium zu Königsberg und studierte danach Medizin. Er kam als Student aus Freiburg in seine Heimatstadt Königsberg zurück.
Minkowski: Kraft ersten Ranges!
Dort lernte er Prof. Bernhard Naunyn kennen, der ein bekannter Stoffwechselforscher war. Naunyn schreibt in seinen Memoiren:
„Eine Kraft ersten Ranges fand ich in Minkowski. Er kam als Student aus Freiburg nach Königsberg heim und bat mich um ein Thema für die Doktorarbeit. Ich gab ihm als solches: Veränderungen in der Erregbarkeit der psychomotorischen Hirnrinde beim Tiere durch experimentelle Änderung des Blutstromes. Es lag vielleicht (?) an dem Gegenstand, daß dabei nicht viel herauskam, doch gewann ich Minkowski bei solcher Arbeit so gern, daß ich ihm bei Stadelmanns Abgang dessen Stelle gab. Ein großer Gewinn für mich! Denn Minkowski ist ein Mann von seltener Intelligenz. Die Unbefangenheit, Klarheit und Beweglichkeit seines Verstandes, gestützt auf große Schnelligkeit und Sicherheit seiner Wahrnehmungen und seiner Auffassung, befähigen ihn ebenso zu treffendem Urteil wie zur naturwissenschaftlichen Forschung.“
Minkowskis Doktorarbeit an der Universität Königsberg wurde 1881 angenommen. Prof. Naunyn wurde 1887 als Nachfolger von Prof. Kußmaul (dem Beschreiber der „tiefen“ Atmung im diabetischen Koma, heute noch Kußmaul’sche Atmung genannt) auf den Lehrstuhl für Innere Medizin der Universität Straßburg berufen.
Straßburg: Sprungbrett für viele!
Diese Universität wurde, nachdem das Elsaß 1872 an das Deutsche Reich angeschlossen war, neu gegründet und vom Kaiser mit erheblichen Geldmitteln ausgestattet. Straßburg war ein Sprungbrett für viele bedeutende Forscher. Hier arbeitete z. B. auch Wilhelm Conrad Röntgen, der Entdecker der Röntgenstrahlen, bevor er nach Würzburg berufen wurde. Auch Naunyn war dort sehr zufrieden, sein Gehalt stieg von 6.500 auf 8.000 Mark (pro Jahr!) und dazu kam noch ein üppiger Ortszuschlag von 1.600 Mark (ebenfalls pro Jahr!).
Oskar Minkowski folgte Bernhard Naunyn nach Straßburg. Dort machte er die Entdeckung seines Lebens: Minkowski bewies, daß der Diabetes mellitus etwas mit der Bauchspeicheldrüse zu tun hat. Damit schuf er die Voraussetzung zur späteren Entdeckung des Insulins in den Inselzellen der Bauchspeicheldrüse.
Spannender Dialog führte zur Bauchspeicheldrüse
Wie bei vielen bedeutenden Entdeckungen kamen Intelligenz, technisches Können und ein kleines bißchen Glück zusammen. Über den Hergang der Entdeckung gibt es einen persönlichen Brief von Oskar Minkowski: Der Nobelpreisträger Bernardo Houssay berichtete darüber - er konnte den Brief bei der Witwe von Oscar Minkowski in Buenos Aires einsehen (datiert 8.5.1926); in diesem Brief beschreibt Oskar Minkowski die Geschichte „seiner“ Entdeckung. Der genannte von Mering arbeitete damals im chemischen Institut. „Im April 1889 ging ich hinüber zu Ihrem Institut, um einige chemische Fachzeitschriften zu konsultieren, die es in unserer Klinik nicht gab, und ich traf dort von Mering, der kurz zuvor „Lipanin“, ein Öl mit 6 %igem Gehalt an freien Fettsäuren als Ersatz für Kabeljau-Lebertran empfohlen hatte in dem Glauben, daß dessen vorteilhafte therapeutische Wirkungen an dem Gehalt an freien Fettsäuren beruhen könnten.
„Setzen Sie Lipanin häufig in Ihrer Klinik ein?“ fragte mich von Mering. „Oh nein“, antwortete ich, „Wir geben unseren Patienten nur gute Butter, nicht ranziges Öl“.
„Spotten Sie nicht“, erwiderte er, „gesunde Menschen müssen Fette aufspalten... wenn die Bauchspeicheldrüse aber nicht vernünftig arbeitet, müssen bereits aufgespaltene Fette gegeben werden.“
„Haben Sie das experimentell nachgewiesen?“ fragte ich.
„Geben Sie mir einen Hund!“
Es entspann sich eine Diskussion darüber, wie man dies tun könne, und Minkowski meinte, daß man dies an einem Hund untersuchen müsse, dem man die Bauchspeicheldrüse entfernte.
„Das ist nicht so leicht, antwortete von Mering, „da die fettaufspaltenden Enzyme der Bauchspeicheldrüse auch in den Darm gelangen, wenn man den Ausführungsgang der Bauchspeicheldrüse unterbindet.“
„Nun“, sagte ich, „dann entfernen Sie doch die ganze Bauchspeicheldrüse!“
„Der Eingriff ist unmöglich“, erwiderte er.
Da ich nicht wußte, daß Claude Bernard festgestellt hatte, daß Tiere nach einer völligen Entfernung der Bauchspeicheldrüse nicht am Leben bleiben konnten und mich meine Jugend zu einer voreingenommenen Überschätzung der Resultate verleitete, die ich bereits bei chirurgischen Versuchen erhalten hatte, rief ich aus: „Bah, es gibt keine unmöglichen Operationen... geben Sie mir einen Hund und ich werde noch heute das Pankreas entfernen.“ „Gut, ich habe einen Hund, den Sie bekommen können. Versuchen Sie es also.“
Am selben Nachmittag entfernte ich in Naunyn’s Labor mit von Mering’s Hilfe das Pankreas eines Hundes... Das Tier überlebte und fühlte sich zunächst anscheinend wohl.
..Von Mering mußte am Tage nach der Operation dringend nach Colmar fahren, da sein Schwiegervater schwer an einer Lungenentzündung erkrankt war. Er mußte dort über eine Woche bleiben. In der Zwischenzeit urinierte der Hund, der sauber war, sehr häufig im Labor. Ich wies den Labordiener zurecht, dass er ihn nicht häufig genug hinausließ, doch der sagte: „Das tue ich, doch das Tier ist eigenartig, sobald er zurückkommt, lässt er wieder Wasser, auch wenn er das gerade draußen erledigt hat.“ Diese Beobachtung brachte mich dazu, etwas von dem Urin in eine Pipette zu nehmen.
Diesen Urin untersuchte Oskar Minkowski und fand einen extrem hohen Gehalt an Zucker. Umgehend führte er mit weiteren Hunden dieses Experiment aus und konnte das Ergebnis bestätigen.
Minkowski traf von Mering wieder am 1. Mai 1889 beim Festakt des Jahrestages der Gründung der Universität. Durch reinen Zufall saß er im Hörsaal hinter von Mering und sagte ihm über die Schulter: „Wissen Sie, von Mering, dass alle pankreatektomierten Hunde Diabetes bekommen?“
„Das ist interessant“, antwortete er, wir müssen diese Frage weiterverfolgen.
Minkowskis Entdeckung: ein Meilenstein!
Oskar Minkowski veröffentlichte seine Entdeckung 1889 im Archiv für Experimentelle Pathologie und Pharmakologie, 1893 faßte er weitere Ergebnisse in einer größeren Arbeit zusammen.
Oskar Minkowskis Entdeckung war ein Meilenstein der Diabetesforschung. Vorher gab es nur wilde Spekulationen über die dem Diabetes zugrundeliegende Störung. Viele vermuteten die Ursache des Diabetes wie Claude Bernard im Gehirn, manche sahen eine Störung des Magens oder der Leber als „Sitz“ des Diabetes an. Oskar Minkowski hat die Forschung durch seine Untersuchungen auf die richtige Fährte gebracht. Seit seiner Entdeckung begann sich das Interesse der Diabetesforscher auf die Bauchspeicheldrüse zu konzentrieren.
Irgend etwas wurde von der Bauchspeicheldrüse gebildet, das einen Diabetes verhinderte. Bald begann man zu vermuten, daß diese Substanz aus den Inselzellen der Bauchspeicheldrüse stammen könnte. Laguesse wies als erster darauf hin und nannte diese Zellen nach ihrem Entdecker „Langerhanssche Inselzellen“. Viele Forscher versuchten, aus den Inselzellen ein Mittel gegen Diabetes zu gewinnen.
Nach vielen Fehlschlägen waren es N. Paulecu in Bukarest, der als erster die blutzuckersenkende Wirkung des Insulins im Tierversuch bewies und das Ergebnis veröffentlichte, und MacLeod, Collip, Banting und Best in Toronto, die erstmals ein bei Menschen brauchbares Insulin herstellten und damit die lebensrettende Behandlung mit Insulin ermöglichten.
Minkowski wurde sehr berühmt
Oskar Minkowski wurde bald sehr berühmt, aber seine Karriere verlief keineswegs reibungslos: Sein Lehrer Naunyn schreibt dazu in seinen Memoiren: Ehrgeiz und Strebertum waren ihm fremd. Minkowski ist viel zu spät in eine Stellung gekommen, die ihn auf eigene Füße stellte und damit seinen Genius ganz flügge machte. Er war – und heute noch indigniert mich das – fast 50 Jahre, als er seinen ersten Ruf erhielt. Und als er dann endlich nach Greifswald gekommen war, ließ man ihn hier wieder eine Reihe von Jahren sitzen, während viele für ihn passende Stellen zur Besetzung kamen. Mich hat die Hintansetzung Minkowskis so gewurmt, daß ich mich zu einem ganz ungewöhnlichen Schritte entschloß: ich machte auf eigene Hand eine Eingabe an den Preußischen Unterrichtsminister, in der ich auf Minkowskis Bedeutung und darauf aufmerksam machte, daß man diesen hochbedeutenden Mann aus unersichtlichen Gründen und meines Erachtens mit Unrecht fortgesetzt übergehe. Ich habe Grund anzunehmen, daß man in Berlin dies mein Erdreisten richtig gewürdigt hat. Wenn mittlerweile mein Freund auch in Breslau eine seiner würdige Stellung gefunden hat, so trage ich doch noch heute den medizinischen Fakultäten den Kummer und Groll nach, den mir seine Hintansetzung lange Zeit bereitet hat.
An Lenins Krankenbett gerufen
Oskar Minkowski starb am 8.6.1931 im Alter von 73 Jahren im Schloßsanatorium des Luftkurortes Fürstenberg in Mecklenburg, ärztlich betreut von seinen Schülern Bittdorf, Rosenthal und Haring. Im Nachruf in der Deutschen Medizinischen Wochenschrift fand Prof. Umber sehr persönliche Worte. Er erzählt, daß Minkowski gerade den Umzug von Wiesbaden nach Berlin plante – er wollte wieder mitten im wissenschaftlichen Leben Berlins leben; die liebevoll von seiner Frau eingerichtete Wohnung in Berlin hat er nicht mehr gesehen. Umber erzählt auch davon, daß Minkowski von seinen Erlebnissen in Rußland berichtete, wo er an das Krankenbett Lenins gerufen worden war.
Minkowskis Sohn und Bruder: ebenfalls berühmte Forscher!
Die Nazis, deren Terrorregime Oskar Minkowski nicht mehr erleiden mußte, wollten in Deutschland keine jüdischen Forscher mehr. Minkowskis Sohn Rudolf, Professor für Physik in Hamburg, wurde unter beschämenden Umständen der Professorentitel entzogen; er konnte glücklicherweise dank der Hilfe von Freunden in die USA emigrieren. Rudolf Minkowski wurde ein berühmter Forscher in der Astronomie – nach ihm sind ein Komet und eine Milchstraße benannt. Oskar Minkowskis Bruder Hermann verstarb schon 1928 an einer Blinddarmentzündung. Jeder Mathematik- und Physikstudent sollte seinen Namen kennen, vor allem beim Studieren der Zahlentheorie. Er war der wichtigste Lehrer Albert Einsteins und sein Buch „Raum und Zeit“ hätte ihm wahrscheinlich eines Tages den Nobelpreis gebracht – von Hermann Minkowskis Überlegungen bis zu Einstein waren es nur ein paar kleine Schritte. Das Andenken an die Forscherfamilie Minkowski ist in Deutschland leider in Vergessenheit geraten, mehrere von Oskar Minkowskis Schülern mußten emigrieren – so z. B. sein Schüler Prof. Frank, der in Istanbul tätig wurde. Die Europäische Gesellschaft für Diabetologie (EASD) verleiht seit 1966 den Minkowski-Preis für herausragende Verdienste um die Diabetesforschung und organisierte bereits mehrere Fortbildungskongresse unter dem Namen „Minkowski-Symposium“ in Kaunas, nahe seinem Geburtsort in Litauen. Ein ähnliches Symposium in Wrozlaw (Breslau) findet 2004 statt.
Insulintherapie 1926: vielbeachteter Vortrag in Berlin
Am 24.2.1926 hielt Prof. Minkowski in der Berliner Medizinischen Gesellschaft, deren Ehrenmitglied er war, einen vielbeachteten Vortrag zur Insulintherapie. Zum 70. Geburtstag schrieb sein Freund Prof. Umber (ebenfalls Schüler Naunyns) 1928 in der Deutschen Medizinischen Wochenschrift über Prof. Minkowski: Eine überragende äußere Stellung, wie man sie einem Genius seiner Art schuldig gewesen wäre, hat ihm engstirniges Vorurteil und Intrige in der Heimat lange Zeit hindurch versagt. Aber die gesamte wissenschaftliche Welt kennt seinen Wert und ehrt seine Größe, die unvergänglich ist“... „War doch sein Leben und seine Lebensarbeit von Anfang an getreu dem Wahlspruch unseres großen Meisters Naunyn: „Die Medizin wird Wissenschaft sein, oder sie wird gar nicht sein!“
Minkowski nicht vergessen!
In Deutschland sollten wir diesen herausragenden Forscher nicht vergessen – er hat sich um die Menschen mit Diabetes und um die medizinische Wissenschaft in höchstem Maße verdient gemacht.