Was Sie schon immer über Unterzuckerung wissen sollten ...

... aber sich vielleicht noch nicht zu fragen getraut haben. Unterzuckerungen können Unsicherheiten und Ängste hervorrufen: Wie gefährlich sind Hypoglykämien? Warum lehnen viele Menschen mit Diabetes die wohlgemeinte Hilfe anderer oft ab? Kann man noch etwas tun, wenn die Unterzuckerungswahrnehmung nachläßt? Wir versuchen, Ihnen Antworten auf diese wichtigen Fragen zu geben.

Wie gefährlich sind Unterzuckerungen?

Ohne Zweifel können Unterzuckerungen gefährlich werden, wenn Sie unbemerkt eine Hypoglykämie während einer Tätigkeit bekommen, in der Sie sich selbst oder andere in Gefahr bringen können: etwa beim Autofahren, beim Bedienen von Maschinen, beim Schwimmen oder beim Klettern. Dies ist auch der Grund, warum es für insulinpflichtige Diabetiker Einschränkungen bei der Berufswahl oder Auflagen beim Führen von Kraftfahrzeugen gibt.

Nicht ganz so eindeutig ist die Frage zu beantworten, ob niedrige Blutzuckerwerte eine direkte Gefahr für die Gesundheit darstellen: Diese scheint eher gering zu sein, da der Körper über verschiedene Schutzmechanismen verfügt, um einen Blutzuckerabfall zu stoppen und den Blutzucker wieder ansteigen zu lassen. Auch läßt die Wirkung des gespritzten Insulins, welches eine Hypoglykämie ausgelöst hat, zunehmend nach, so daß der Blutzucker normalerweise wieder von alleine steigt. Allerdings läßt sich nicht völlig ausschließen, daß es bei schweren Unterzuckerungen zu einer gesundheitlichen Gefährdung oder im Extremfall sogar zu Todesfällen kommt, wenn sie mit einer Verkettung anderer Umstände verbunden sind. Zu diesen „unglücklichen Umständen“ im Zusammenhang mit gefährlichen Hypoglykämien gehören z.B. exzessiver Alkoholgenuß oder Drogenmißbrauch, der dazu führen kann, daß die Schutzmechanismen des Körpers teilweise außer Kraft gesetzt werden oder es während einer Unterzuckerung zu Erbrechen kommt, welches in dieser Situation gefährlich ist.

Bei Menschen, die gleichzeitig an einer Epilepsie leiden, kann durch die Unterzuckerung ein epileptischer Anfall ausgelöst werden, bei Menschen mit einer schweren Herz-Kreislauf-Erkrankung ein Herzanfall. Ebenso können Unterzuckerungen bei Diabetikern mit schweren diabetesbedingten Augenschäden zu Einblutungen und dadurch zu einer Verschlechterung der Sehfähigkeit führen. Zusammenfassend kann man festhalten, daß Unterzuckerungen eine gewisse Gefahr mit sich bringen und sich gerade bei einer Verkettung unglücklicher Umstände ein Restrisiko für eine schwere Gefährdung nicht ausschließen läßt. Die allermeisten Unterzuckerungen haben jedoch keine schwerwiegenden Folgen. Vor dem Hintergrund der bisherigen Forschung gibt es somit keinen Grund, sich besonders zu ängstigen oder aus Furcht vor Unterzuckerungen seine bisherige Lebensführung drastisch umzustellen.

Können Unterzuckerungen tödlich enden?

In der Regel nicht! Wie bereits bei der vorherigen Frage angesprochen, hat der menschliche Körper verschiedene Schutzmechanismen, die bewirken, daß der Blutzucker nach einer gewissen Zeit von allein wieder ansteigt. In sehr großen und über mehrere Jahre dauernden Studien konnten fast übereinstimmend keine Todesfälle beobachtet werden, die eindeutig einer Unterzuckerung zuzuschreiben sind. Daher ist das Risiko als äußerst gering zu bewerten. Allerdings kann das Risiko, daß Unterzuckerungen zum Tode führen, nicht völlig ausgeschlossen werden. Wie bereits erwähnt, können Unterzuckerungen, die in einer besonders gefährlichen Situation (z.B. beim Autofahren) auftreten oder infolge einer Verkettung mehrerer unglücklicher Umstände, tatsächlich zu einer sehr bedrohlichen Gefahrensituation führen, die im Extremfall auch einen tödlichen Ausgang nehmen kann. Eine ausführliche Schulung, in der Sie lernen, wie Sie diese möglichen Gefahrensituationen im Zusammenhang mit Hypoglykämien bestmöglich vermeiden können, ist daher für jeden Diabetiker ein absolutes Muß.

Machen viele Unterzuckerungen dumm?

Nein, darüber müssen Sie sich keine großen Sorgen machen. Leichte Unterzuckerungen, die Sie selbst behandeln können, beeinträchtigen mit Sicherheit nicht langfristig Ihr Denkvermögen. Zwar kann es während einer Unterzuckerung kurzfristig aufgrund des Zuckermangels des Gehirns zu deutlichen Einbußen der geistigen Leistungsfähigkeit kommen, die sich zum Beispiel in Konzentrationsstörungen, Koordinierungsschwierigkeiten und Störungen des Gedächtnis äußern können. Diese verschwinden aber sobald sich der Blutzucker wieder normalisiert hat. Hierdurch sind keine bleibenden Beeinträchtigungen zu erwarten.

Unklarer ist die Befundlage zu den Auswirkungen von schweren Unterzuckerungen mit Bewußtseinstrübung oder Bewußtlosigkeit: Nach solch schweren Unterzuckerungen klagen einige Patienten über eine Beeinträchtigung ihrer geistigen Leistungsfähigkeit. Allerdings verschwinden diese Beschwerden nach einigen Tagen oder im Extremfall innerhalb einiger Wochen wieder. In den letzten Jahren ist über die langfristigen Auswirkungen von schweren Hypoglykämien auf die geistige Leistungsfähigkeit sehr viel geforscht worden. In diesen Studien fand sich glücklicherweise kein Hinweis darauf, daß Personen, welche in den letzten Jahren viele schwere Unterzuckerungen erlitten hatten, in Tests zur Messung der geistigen Leistungsfähigkeit schlechter abschnitten als Patienten, bei denen keine einzige Unterzuckerung aufgetreten war.

Zusammenfassend kann man auf der Basis der uns im Moment zur Verfügung stehenden Befunde schlußfolgern, daß es keine zwingenden Hinweise auf langfristig negative Auswirkungen von schweren Unterzuckerungen auf die geistige Leistungsfähigkeit gibt. Trotzdem ist es verfrüht, eine vollständige Entwarnung zu geben. Bei sehr schweren und langandauernden Unterzuckerungen, Hypoglykämien im frühen Kindesalter oder bei einer Vorschädigung des Gehirns kann ein Restrisiko einer nachteiligen Auswirkung von Unterzuckerungen auf die geistige Leistungsfähigkeit nicht mit 100prozentiger Sicherheit ausgeschlossen werden.

Können Unterzuckerungen auch bei Menschen ohne Diabetes vorkommen?

Im Regelfall nein. Bei Menschen ohne Diabetes wird der Blutzucker sehr stabil gesteuert, vor allem über das Zusammenspiel der beiden Hormone Insulin und Glukagon. Werte knapp unter 60 mg/dl (3,3 mmol/l) können allerdings durchaus manchmal vorkommen. Wenn Menschen, die keinen Diabetes haben, berichten, daß „sie sich nicht konzentrieren können, weil sie lange nichts gegessen haben“, kann das auch daran liegen, dass sie mit ihrem Blutzucker um die 60 mg/dl liegen. Richtige Hypoglykämien können bei Menschen ohne Diabetes nur in „Extremsituationen“ und dann nur in Ausnahmefällen vorkommen (z.B. langes Hungern, extreme körperliche Betätigung, exzessiver Alkoholgenuß). Allerdings gibt es andere, sehr seltene Stoffwechselerkrankungen, wie zum Beispiel einen Tumor der insulinproduzierenden Zellen der Bauchspeicheldrüse, die bei Menschen ohne Diabetes eine Hypo verursachen können.

Ich vermute, ich habe häufige nächtliche Unterzuckerungen. Wie kann ich dies herausfinden?

Da während der Nacht bei Gesunden, wie auch bei Menschen mit Diabetes, der Blutzuckerspiegel in der Regel niedriger und die Insulinempfindlichkeit höher ist als tagsüber, ist die Unterzuckerungsgefahr zu diesem Zeitpunkt auch größer. Das Problem: Während des Schlafes sind Unterzuckerungen nur sehr schwer selbst zu bemerken. Oft kann man nur aufgrund eines erhöhten Nüchternwertes, eines unruhigen Schlafes oder der verschwitzten Bettwäsche nachträglich vermuten, daß der Blutzucker in der Nacht tief war. Nächtliche Unterzuckerungen können jedoch sicher nur durch Blutzuckermessungen erkannt werden. Mit herkömmlichen Blutzuckermeßmethoden müßte man dazu folglich auf seine Nachtruhe verzichten und mehrmalige Blutzuckerkontrollen durchführen. Seit einigen Jahren stehen jedoch Ärzten verschiedene Systeme zur kontinuierlichen Zuckermessung zur Verfügung. Diese messen den Zucker, je nach benutztem Meßsystem, über einen Zeitraum von 48 bis 72 Stunden. Hierdurch gewinnt man ein wesentlich vollständigeres Bild über den Zuckerverlauf als durch gelegentliche Blutzuckermessungen. Insbesondere lassen sich mit Hilfe der kontinuierlichen Zuckermessung Aufschlüsse über den nächtlichen Verlauf der Blutzuckerwerte gewinnen.

Solche Zuckermessungen, bei denen die Nachtruhe nicht gestört wird, zeigten in einer erst kürzlich in unserem Zentrum durchgeführten Studie, daß bei 70 Prozent aller Teilnehmer an einer kontinuierlichen Glukosemessung in mindestens einer Nacht von insgesamt drei Nächten niedrige Werte unter 60 mg/dl gemessen wurden. Bei 22 Prozent der Typ-1-Diabetiker traten sogar in allen drei Nächten, in denen der Blutzucker kontinuierlich gemessen wurde, Unterzuckerungen mit Werten unter 60 mg/dl auf. Diese Unterzuckerungen wurden in der Regel nicht bemerkt. Ein System zur kontinuierlichen Zuckermessung könnte im Sinne einer Hypo-Warnung bei niedrigen Glukosewerten einen Warnton aussenden, um den Betroffenen zu alarmieren. Allerdings müssen bei diesem Hypo-Warner erst ausreichende klinische Erfahrungen gesammelt werden.

Warum ändert sich die Stimmung während einer Unterzuckerung?

Bereits in einem der ersten Berichte über die Insulintherapie aus dem Jahre 1923 wird beschrieben, daß Patienten mit niedrigen Blutzuckerwerten plötzlich ängstlich, nervös und manchmal auch aggressiv werden. In kontrollierten Untersuchungen zeigte sich, daß es während einer Unterzuckerung vorwiegend zu negativen Veränderungen der Stimmung kommt: Gefühle der Niedergeschlagenheit, des Ärgers und der Antriebslosigkeit nehmen zu, während positive Empfindungen wie Glücksgefühle oder Euphorie abnehmen. Manchmal kommt es jedoch auch vereinzelt zu positiven Stimmungsveränderungen während einer Unterzuckerung. Die Ursachen für Veränderungen der Stimmung sind noch nicht vollständig geklärt. Sehr wahrscheinlich beeinträchtigt der mit einer Unterzuckerung verbundene Zuckermangel jedoch die Gehirnregionen, die für das Gefühlsleben zuständig sind. Vielfach erleben die Betroffenen daher, daß sie keine oder nur noch wenig Kontrolle über ihre Gefühle haben. Daneben können natürlich auch die auftretenden Symptome (z.B. innere Unruhe) und die im Unterzucker ausgeschütteten Hormone zu emotionalen Veränderungen beitragen.

Warum lehne ich die wohlgemeinte Hilfe anderer während einer Unterzuckerung oft sehr schroff ab?

Oft berichten Patienten, daß sie im Unterzucker auf die Frage „Bist Du schon wieder tief?“ oder die Aufforderung „Miß doch Deinen Blutzucker“ sehr trotzig reagieren und den Unterzucker eher verleugnen. Auch auf das wohlmeinende Hilfsangebot anderer reagieren sie oft abweisend, manchmal sogar sehr aggressiv. Dies führt nicht selten zum Konflikt mit den Angehörigen oder Freunden, die dieses Verhalten als unangemessen und undankbar erleben. Ist der Blutzucker wieder normal, führt dies auch bei Menschen mit Diabetes oft nachträglich zu schlechtem Gewissen. Der Grund für dieses schroffe Verhalten während einer Hypoglykämie ist vor allem, daß der zunehmende Kontrollverlust im Zustand der Unterzuckerung bei fast jedem Diabetiker innerlich Angst auslöst, gegen die er sich zu wehren versucht. Anders ausgedrückt: Es ist der verzweifelte Versuch, etwas dagegen zu unternehmen, nicht in einen hilflosen Zustand zu geraten. Aufgrund des zunehmenden Zuckermangels im Gehirn ist dieses Verhalten jedoch dann nicht mehr zielgerichtet. Erfahrene Helfer vermeiden deshalb, einen Menschen im Unterzucker zu sehr zu bedrängen, den Traubenzucker einzunehmen, oder ihn festzuhalten, da dies den Widerstand verstärkt und oft genau das Gegenteil des Beabsichtigten bewirkt. Viel günstiger ist es, nicht darüber zu diskutieren, ob eine Unterzucker vorliegt oder nicht, und in einer ruhigen, beharrlichen Art und Weise darauf zu bestehen, daß der andere etwas zu sich nimmt, um den Unterzucker zu beenden.

Was tun, wenn ich keine Hypoglykämie-Anzeichen mehr spüre?

Obwohl Hypoglykämie-Anzeichen manchmal sehr unangenehm sind, kündigen sie eine Unterzuckerung an und bieten so den besten Schutz vor unerwarteten Unterzuckerungen. Fehlen diese, so besteht jederzeit die Gefahr, daß ohne Vorwarnung eine Hypo auftritt. Wie im vorigen Artikel ausführlich beschrieben, ist eine wichtige Ursache dafür, daß aufgrund sehr häufiger tiefer Blutzuckerwerte die körpereigenen Warnsymptome sich nicht mehr oder nur sehr spät bemerkbar machen. Hier macht es Sinn, durch die konsequente Vermeidung tiefer Blutzuckerwerte (vor allem auch nachts!) die Schwelle, ab der die Warnsymptome ausgelöst werden, wieder anzuheben. Zudem kann mit Hilfe eines speziellen Hypoglykämie-Wahrnehmungstrainings versucht werden, die körpereigenen Warnsymptome früher und besser wahrzunehmen. Es kann auch sinnvoll sein, den Blutzucker regelmäßig zu messen oder sich von anderen helfen zu lassen, die häufig Unterzuckerungen eher erkennen als man selbst. Bei gravierenden Hypoglykämie-Problemen ist ein Aufenthalt in einer auf Diabetes spezialisierten Einrichtung empfehlenswert.

Ist wegen Unterzuckerungen mein Führerschein in Gefahr?

Ja, denn die Fähigkeit, richtig mit Unterzuckerungen umzugehen und die Warnanzeichen rechtzeitig zu erkennen, ist eine Grundvoraussetzung der Fahrtüchtigkeit. In den Begutachtungsleitlinien zur Kraftfahreignung steht: „Wer als Diabetiker zu schweren Stoffwechselentgleisungen mit Hypoglykämien mit Kontrollverlust neigt [...], ist nicht in der Lage den gestellten Anforderungen zum Führen von Kraftfahrzeugen gerecht zu werden.“ Und: „Es gibt Diabetiker, bei denen sich die Bewußtseinsveränderungen oder Verhaltensstörungen so plötzlich und ohne typische Warnanzeichen einstellen, daß der Betroffene keine Gegenmaßnahmen ergreifen kann. Diese Diabetiker sind nicht in der Lage, den gestellten Anforderungen zum Führen von Kraftfahrzeugen gerecht zu werden, es sei denn, daß sie durch geeignete Maßnahmen, wie z.B. Therapieänderungen, Wahrnehmungstrainings, Blutzuckerselbstkontrollen vor und während der Fahrt „derartige Hypoglykämien zuverlässig verhindern können.“ Wichtig ist es auch zu wissen, daß jede Verkehrsauffälligkeit im Zusammenhang mit einer Unterzuckerung, die von einem Polizisten aufgenommen wird, automatisch zu einer Meldung bei der Straßenverkehrsbehörde führt.

Haben sich in letzter Zeit die Vorschriften, welche Berufe wegen Unterzucker nicht geeignet sind, geändert?

Auf der DDG-Tagung in Bremen gab es Neuigkeiten (siehe Diabetes-Journal 8/2003). Die meisten Berufe können auch mit einem gewissen Risiko für Unterzuckerungen ausgeübt werden. Allerdings gibt es aufgrund von Vorschriften zur Unfallverhütung Einschränkungen in der Ausübung von Berufen, bei denen Sie sich und andere im Unterzucker gefährden könnten. Dies sind Berufe mit Absturzgefahr (z.B. Dachdecker), Arbeiten mit gefährlichen Maschinen oder Materialien (z.B. Starkstromelektriker) oder verantwortungsvollen Überwachungsaufgaben (z.B. Schrankenwärter). Während früher eine solche Tätigkeit pauschal als für insulinpflichtige Diabetiker ungeeignet eingeschätzt wurde, versucht man heute immer mehr eine individuelle Bewertung der konkreten Arbeitsanforderungen und des Gesundheitsstatus des Diabetikers als Richtschnur für eine Begutachtung heranzuziehen. Der Ausschuß „Diabetes und Soziales“ der Deutschen Diabetes-Gesellschaft hat vor kurzem neue Empfehlungen zur Beurteilung beruflicher Möglichkeiten von Menschen mit Diabetes herausgegeben; diese unterstützen die Sichtweise, das vermeintliche Unterzuckerungsrisiko eines Berufs nicht pauschal für Menschen mit Diabetes zu beurteilen, sondern die individuelle Situation zu berücksichtigen.

Mit freundlicher Genehmigung von

04.12.2003
Dipl.-Psych. B. Kulzer, PD Dr. N. Hermanns, Dr. T. Kubiak, Dipl.-Psych. M Ebert
Diabetes-Journal Heft 12, 2003, Seite: 56-61