"Diabetic Trust" - ein Kommentar "Der Hunger nach einem solchen Gerät ist riesig!"

Seit kurzem geistern Presse-Infos einer Firma durch die BRD: Man solle sich mit 1500 ¤ beteiligen, um die Entwicklung eines unblutigen Blutzuckermeßgerätes voranzutreiben. Prof. Lutz Heinemann und Rechtsanwalt Oliver Ebert kommentieren.  

Prof. Lutz Heinemann: „Eine gründliche Evaluierung aller neuen Systeme durch unabhängige und kritische Stellen ist vor der Markteinführung extrem wichtig.“

In Presse-Infos war mehrfach zu lesen, daß die „Diabetic Trust Gesellschaft zur Verbesserung der Versorgung von Diabetikern mbH & Co. KG“ sich die Patente zur Entwicklung des ersten verletzungsfrei arbeitenden Blutzuckermeßgerätes „dT-glucose-control“ für 8 Jahre gesichert habe. Mit einer Mindestzeichnungssumme von nur 1500 ¤ sei es möglich, sich an der revolutionären Entwicklung zu beteiligen; dies könne zu einer erwarteten Gesamtausschüttung von 628,86 Prozent innerhalb von 8 Jahren führen. Damit solle sichergestellt werden, daß nicht nur Finanzinvestoren, sondern auch Diabetiker von der hohen Rendite profitieren könnten. Für die ersten 2000 Zeichner sei ein persönliches verletzungsfrei arbeitendes Blutzuckermeßgerät im Wert von 800 ¤ reserviert, das sie direkt nach der Zulassung und noch vor dem Verkaufsstart kostenlos erhalten würden. Angeblich sei die hohe Meßgenauigkeit des analogen Grundmodells in klinischen Testreihen nachgewiesen. Das Gerät sei diskret unter der Kleidung zu tragen, der aktuelle Blutzuckerwert würde auf dem Display einer Armbanduhr angezeigt. Mehr Informationen und Fotos gäbe es im Internet unter www.blutzucker-verletzungsfrei-messen.de. Die Ankündigungen der mir bisher unbekannten Firma im Kopf, tippe ich die www-Adresse ein: Zuerst springt mir auf der Homepage das Wort „Beteiligungsangebot“ ins Auge – hätte ich nicht so vordergründig erwartet auf einer Seite, die über ein revolutionäres Blutzuckermeßsystem informieren will. Dann erkennt man eine verschwommen dargestellte Armbanduhr; weiter geht‘s mit „Schmerzfrei Blutzucker messen“...

628,86 Prozent in 8 Jahren

Nach meiner Kenntnis ist es äußerst schwierig, selektiv nur die Glukosekonzentration im Blut mit einer nichtinvasiven Methode zu messen. Dann kommt wieder die Aussage zu den ersten 2000 Zeichnern und zu der erwarteten Gesamtausschüttung in Höhe von 628,86 Prozent in 8 Jahren...Nun sagt mir der Ausdruck „Gesamtausschüttung“ nicht sehr viel, beeindruckt hat mich aber die Präzision, mit der diese auf 8 Jahre hin prognostiziert wird. Auf der Homepage fällt auf, daß es kaum detaillierte Infos zum Meßgerät und der Funktionsweise gibt; anscheinend sind auch kein Arzt oder irgendwie medizinisch bewanderte Menschen im Entwicklungs-Team. Dafür soll mit dem Gerät die Blutzuckermessung zum Kinderspiel werden. Im Endeffekt läuft es darauf hinaus, daß Interessierte einen hohen Geldbetrag investieren sollen, um eine von der Industrie bislang abgelehnte Entwicklungsidee zu finanzieren und – im Erfolgsfalle – ein „Recht“ auf den frühen Erhalt eines solchen Gerätes bekommen!

Betroffene als Finanzquelle

Sollte der „Hunger der Patienten“ nach einem nichtinvasiven Glukosemonitoring-System als Köder dienen, um diese zur Finanzierung einer solchen Entwicklung zu bewegen? In den letzten Jahrzehnten haben namhafte Firmen viel Geld und „Brain“ in die Entwicklung nichtinvasiver Glukosemonitoring-Geräte gesteckt – bisher leider ohne richtigen Erfolg. Es konnte zwar belegt werden, daß verschiedene technische Ansätze machbar sind – die allenfalls im Labor funktionierenden Systeme konnten aber nicht in alltagstaugliche Geräte überführt werden (siehe die Firma Pendragon; das Diabetes-Journal berichtete mehrfach).  Auf jedem aktuellen Kongreß werden neue Ansätze präsentiert, und so wird die Hoffnung am Leben gehalten. Trotzdem sind die Patienten natürlich frustriert – immer wieder heißt es: „In 2 bis 3 Jahren wird ein Gerät verfügbar sein.“ Natürlich besteht immer die Möglichkeit, daß ein genialer Tüftler in seiner Garage eine tolle Idee hat, die von keinem anderen recht gewürdigt wird. Daß dieser dann ganz unkonventionell versucht, für diese Entwicklung Geld zu sammeln, ist prinzipiell auch in Ordnung. Ich halte es aber für extrem problematisch, Betroffene, die sich eine wesentliche Erleichterung in ihrem Lebensalltag versprechen, als eine potentielle Finanzierungsquelle anzusprechen. Man sollte nämlich wissen, daß professionelle Investoren solche innovative Ideen grundsätzlich durch entsprechende Fachleute sehr genau analysieren und bewerten lassen.Wenn diese nicht von der Idee zu überzeugen sind, dann kann dies  auch inhaltliche Gründe haben. Es hat in der Vergangenheit einige Firmen gegeben, die nichtinvasive Glukosemonitoring-Systeme entwickeln wollten und bei denen später klar wurde: Hier sollte nur Investoren Geld aus der Tasche gezogen werden. Nach meiner Kenntnis wurden bisher keinerlei Ergebnisse von klinisch-experimentellen oder klinischen Studien mit dT-glucose-control bei diabetologischen Fachkongressen oder in Fachzeitschriften publiziert. Mir ist auch nicht klar, ob die prinzipielle Funktionsfähigkeit dieses Ansatzes sicher belegt wurde und wie weit die technische Entwicklung überhaupt ist. Aussagen sind zu dünn

Ich habe versucht, in Fachkreisen weitere Informationen zu erhalten – bislang scheint von Diabetic Trust niemand gehört zu haben. Meiner Ansicht nach muß jedes Unternehmen nachweisen, daß sein System (bzw. das Prinzip) wirklich sicher funktioniert, bevor es damit an die Öffentlichkeit geht und an Patienten herantritt. Man kann nun nicht fordern, daß erst alle klinischen Studien und die behördliche Zulassung erfolgt sind, bevor man einen solchen Schritt tut – denn genau für diesen Prozeß braucht man ja die finanziellen Mittel. Aber auf solch dünne Aussagen hin wie hier würde ich keinem Patienten raten, Geld in eine solche Entwicklung zu investieren. Bedenken Sie: Kontinuierliches Glukosemonitoring ist mehr als eine andere Art der Blutzuckermessung – es ist ein viel komplexerer Vorgang. Fehlmessungen der Geräte können ernsthaft gefährlich sein! Deshalb ist eine gründliche Evaluierung aller neuen Systeme in klinischen Studien durch unabhängige und kritische Stellen vor der Markteinführung extrem wichtig. Ich halte das für unverzichtbar, auch wenn dafür Zeit und Geld nötig sind. Auch wenn der Hunger riesig ist: Der Sicherheit der Patienten gebührt die höchste Priorität! 

Geräte-Entwicklung mitfinanzieren? „Ihr Geld könnte verloren sein!“

Rechtsanwalt Oliver Ebert ergänzt den Kommentar zu „Diabetic Trust“ von Prof. Heinemann um weitere Aspekte. Im Falle eines Scheiterns der Firmenpläne, so warnt er,  dürfte das eingesetzte Geld verloren sein.

Auch aus meiner Sicht ist das „Beteiligungsangebot“ der DiabeticTrust GmbH & Co. KG mit Vorsicht zu genießen: Die Internetseite und der Verkaufsprospekt erwecken den durchaus potentiell irreführenden Eindruck, daß das „digital verletzungsfrei messende Blutzuckermeßgerät dT-glucose-control“ bereits nahezu fertiggestellt sei. So entsteht z. B. durch die Sprachwahl (Präsens) im Verkaufsprospekt der Eindruck eines bereits existierenden Geräts: „Die Blutzuckermessung mit dem digitalen Meßgerät  ist gegenüber herkömmlichen Meßgeräten mit zahlreichen Vorteilen verbunden“, „Das Gerät ermöglicht...“, „basiert...auf neuester Elektronik“, „Das Display ist übersichtlich gestaltet“. Tatsächlich werden hier Funktionen beschrieben, die das erst noch zu entwickelnde Gerät später mitbringen soll. Beim flüchtigen Lesen entsteht der Eindruck, daß ein solches Gerät bereits weitgehend existiert. Verstärkt wird der Eindruck durch fotorealistische Abbildungen, die das Meßgerät bzw. einen Meßgürtel zeigen sollen. Bei genauer Ansicht wird klar, daß es sich hier wohl höchstens um funktionslose Designmodelle handeln kann, wahrscheinlicher sogar nur um Computergrafiken. Auch die Aussage, daß die Meßmethoden anderer Unternehmen „...in Praktikabilität und Korrelation der Meßwerte zu den tatsächlichen Blutzuckerwerten [...] weit unterlegen“ sind, dürfte eher umstritten sein: Hinreichend nachprüfbare Angaben zu der Behauptung fehlen. Ein genauer Blick in den Verkaufsprospekt zeigt, worum es geht: Das Konzept sieht vor, daß Sie als Anleger in der Investitionsphase erst die Entwicklung und Zulassung eines solchen Geräts finanzieren sollen, um später bei einer eventuellen Vermarktung an den Gewinnen teilhaben zu können.

Haken im Detail

Klingt schön und gut, aber der Haken steckt im Detail: Allein für den allgemeinen „Gründungs- und Ingangsetzungsaufwand“ wird für die ersten 4 Jahre ein Finanzbedarf von 3,5 Mio. ¤ kalkuliert, davon nicht näher genannte „Anlaufkosten“ von 1,95 Mio. bereits im ersten Jahr! Für die eigentliche Entwicklung und Forschung wird dann ein weiterer Kapitalbedarf von 11,5 Mio. ¤ benötigt. Man muß kein Rechenkünstler sein, um zu erkennen, worauf dies hinausläuft: Wenn diese Summe nicht in überschaubarer Zeit gesammelt werden kann, dann muß das Projekt bereits aus finanziellen Gründen scheitern. Für die Anleger bliebe in dem Fall nur die Hoffnung, daß von dem bis dahin eingezahlten Gesamtkapital noch etwas für sie übriggeblieben ist; angesichts der vorgesehenen Investitionspläne dürfte ein Totalverlust eher wahrscheinlich sein.

Fragwürdige Patente

Sehr fragwürdig ist die Werbung mit Patenten, die die Fondsgesellschaft erworben habe: Tatsächlich handelt es sich hierbei aber lediglich um Patentanmeldungen, gegen die noch Rechtsmittel möglich sind. Abgesehen davon: Diese „Patente“ waren ausweislich des Investitionsplans wohl relativ günstig zu haben: Denn offensichtlich müssen für sämtliche erforderlichen Patente jährlich insgesamt zunächst nur 100000 ¤ bezahlt werden. Im Vergleich zu den Investitionen, die die Diagnostika-Hersteller jährlich für die Forschung und Entwicklung an kontinuierlichen Meßsystemen aufwenden, ist dies ein lächerlich geringer Betrag – es wird sicher gute Gründe dafür geben, daß die Industrie an der hier zugrundeliegenden Technik offensichtlich dennoch kein großes Interesse zeigte. Und: Die Grund-idee, auf welcher das Gerät basieren soll, ist seit über einem Jahzehnt bekannt; ein entsprechendes Patent ist wohl eher wertlos. Wer also mit einer Beteiligung liebäugelt, muß wissen: Das Meßgerät „dT-glucose-control“ gibt es noch nicht, und es ist nicht sicher, ob es tatsächlich entwickelt werden wird und überhaupt jemals funktionieren kann. Angesichts der umfassenden gesetzlichen Zulassungsvoraussetzungen ist es nahezu ausgeschlossen, daß die Marktreife für das Produkt bereits im Jahr 2008 erreicht werden könnte. Als Anleger trägt man also zunächst das Risiko, daß das Ganze in technischer und tatsächlicher Hinsicht möglicherweise gar nicht funktionieren wird. Weiter muß man sich auch im klaren sein, daß die in Aussicht gestellten Ertragsprognosen theoretisch möglich, aber alles andere als sicher sind. Schließlich trägt man bereits im Vorfeld das sehr hohe Risiko, daß nicht genug Geld zusammenkommt: Erst wenn nämlich genügend Anleger gefunden sind, wird überhaupt eine Fortentwicklung erfolgen können. Ansonsten dürfte der Einsatz aller bisherigen Investoren wohl weitgehend verloren sein.

Fazit

Die Herausgeber dieses Fonds machen im Verkaufsprospekt durchaus auf die Risiken aufmerksam, wenngleich man sicherlich über die Darstellung der Tatsachenlage diskutieren kann. Die Werbung mit tatsächlich (noch) nicht vorhandenen Patenten ist meines Erachtens sehr irreführend. Für einen interessierten Anleger könnte es dennoch schwierig sein, eine Beteiligung auf dem Gerichtswege – beispielsweise im Falle eines Totalverlusts – später wieder rückgängig zu machen. Im Ergebnis dürfte eine Beteiligung wohl allenfalls für solche Menschen tatsächlich interessant sein, die genügend Risikobereitschaft haben und die noch steuerliche Abschreibungsmöglichkeiten suchen. Und: Es darf einem im Zweifelsfall nicht sehr weh tun, wenn das eingezahlte Geld verloren ist...

Mit freundlicher Genehmigung von

10.04.2006
Prof. Dr. Lutz Heinemann, RA Oliver Ebert