Neue Möglichkeiten der Insulintherapie
Zahlreiche internationale Studien belegen, daß das neue Analog-Insulin, Insulin lispro, die Blutzuckereinstellung nach dem Essen bei Patienten mit Diabetes mellitus verbessert, ohne daß es zu einer Zunahme von Hypoglykämien (Unterzuckerungen) kommt. Ausschlaggebend dafür sind der schnelle Wirkungseintritt und die kurze Wirkungsdauer: Im Vergleich zu herkömmlichem Human-insulin (Normalinsulin) sind bei Insulin lispro die Blutzuckerspitzen nach dem Essen signifikant niedriger und entsprechen eher den physiologischen Gegebenheiten bei Stoffwechselgesunden.
Diese nahezu identische Simulation der physiologischen Insulinfreisetzung bedeutet für Diabetiker unter anderem, daß Insulin lispro unmittelbar vor der Mahlzeit injiziert werden kann. Der bisher notwendige Spritz-Eß-Abstand, der die Flexibilität im Tages-ablauf oft sehr einschränkt, entfällt bei dem Analog-Insulin. Nach zwei bis drei Stunden ist die Hauptwirkung von Insulin lispro beendet, daher sind Zwischenmahlzeiten nicht notwendig und können entfallen. Für den Alltag und die Lebensqualität von insulinpflichtigen Diabetikern bedeut das "Mahlzeiten-Insulin" mehr Flexibilität und Spontanität bei der Einnahme von Mahlzeiten und damit auch eine bessere Steuerbarkeit der Therapie. Die meisten Patienten berichten aufgrund der Vorteile des neuen Analog-Insulins daher von einer deutlich verbesserten Lebensqualität. Weltweit haben sich mehr als 75 Prozent der Studienpatienten (über 5.000) dafür entschieden, die Behandlung mit Insulin lispro auch nach Abschluß der Studien fortzusetzen.
Ziele der modernen Insulintherapie sind die Vermeidung von mikroangiopathischen Komplikationen (Schädigungen an den kleinen Blutgefäßen), schweren Hypoglykämien und ein Leben, das sich von dem eines Stoffwechselgesunden so wenig wie möglich unterscheidet. Als wesentliche Säulen der Behandlung von insulinpflichtigen Diabetikern gelten die intensivierte Insulintherapie (ICT) und eine gute Schulung der Patienten mit Typ-I-Diabetes. Es besteht auch der Trend, junge, im Beruf stehende Typ-II-Diabetiker mit einer intensivierten Insulintherapie zu behandeln. Doch herkömmliche Humaninsuline, die bisher in der ICT als
Bolusinsulin angewendet wurden, unterscheiden sich in ihrem Wirkungsprofil deutlich von dem des körpereigenen Insulins. Die Wirkung der kurzwirksamen Normalinsuline setzt zu spät ein und hält zu lange an. Die Verzögerungsinsuline hingegen wirken zu kurz und sind nicht in der Lage, eine stabile und kontinuierliche Basalinsulinsekretion zu simulieren.
Neue Perspektiven für Diabetiker
Insulin lispro eröffnet neue Perspektiven für die intensivierte Insulintherapie. Im Gegensatz zum herkömmlichen Humaninsulin (Normalinsulin) zerfallen die Moleküle von Insulin lispro sehr rasch nach der Injektion in das Unterhautfettgewebe. Der Grund liegt in einer veränderten Aminosäurensequenz: Eine Inversion der Aminosäuren Prolin und Lysin am Humaninsulinmolekül hat die Geschwindigkeit der Absorption der einzelnen Moleküle in die Blutbahnen, nicht aber deren Aktivität verändert. Insulin lispro wird deutlich schneller aus dem Unterhautfettgewebe resorbiert. Die Wirkung beginnt kurze Zeit nach der Injektion. Bereits innerhalb von etwa 50 Minuten nach der Injektion erreicht das Analog-Insulin seine höchste Konzentration im Blut. Nach etwa zwei bis drei Stunden ist es soweit eliminiert, daß praktisch keine klinische Wirkung mehr vorhanden ist. Die Vergleichswerte für Normalinsuline liegen bei circa eineinhalb und vier bis fünf Stunden.
Im Gegensatz zu Normalinsulin ist unter Insulin lispro die Wirkzeitverlängerung bei einer Dosissteigerung deutlich geringer, so daß die Wirkung für die Patienten berechenbarer ist. Die gute Verträglichkeit von Insulin lispro im Vergleich zu den herkömmlichen Humaninsulinen zeigt sich - speziell beim Typ-I-Diabetes - nicht nur in der verminderten Gefahr hypoglykämischer Zustände. Das Analog-Insulin zeigt zudem keine Unterschiede zum Normal-insulin hinsichtlich der Immunogenität sowie keine Unterschiede hinsichtlich lokaler oder systemischer allergischer Reaktionen.
Insulin lispro ist die neueste Entwicklung von Eli Lilly and Company und seit der Einführung des Humaninsulins (1982) nach Einschätzung von Fachleuten der wohl bedeutendste Fortschritt in der Diabetestherapie. Am 30. April 1996 hat das Committee for Proprietary Medicinal Products (CPMP) in London die europaweite Zulassung für das neue, biosynthetisch hergestellte Analog-Insulin erteilt. Auf dem deutschen Arzneimittelmarkt steht es seit dem 2. Mai 1996 zur Verfügung.
Ergebnisse klinischer Studien
Insulin lispro wurde in klinischen Studien weltweit an bisher mehr als 5.000 Patienten mit Typ-I- und Typ-II-Diabetes im Vergleich gegen herkömmliches Normal(Alt-)insulin geprüft. Dabei verwendete man zusätzlich zur Gabe von Insulin lispro bzw. herkömm-lichem Humaninsulin bei allen Diabetikern Verzögerungsinsulin zum Erhalt der Basalspiegel:
- Eine randomisierte, multizentrische Studie beispielsweise wurde an 336 Typ-I-Diabetikern durchgeführt. Sie belegt, daß es bei gleich guter Blutzuckereinstellung unter der Therapie mit Insulin lispro seltener zu Hypoglykämien kommt als bei Verwendung von herkömmlichem Humaninsulin.
- In zwei randomisierten Cross-over-Studien mit 1.037 Typ-I- und 722 Typ-II-Patienten wurden die postprandialen Glukoseexkursionen, der HbA1c-Wert und die Hypoglykämiefrequenz pro Monat unter Therapie mit Humaninsulin (Normalinsulin) mit einem Spritz-Eß-Abstand von 30 Minuten und unter Insulin lispro ohne Spritz-Eß-Abstand (Zeitraum: jeweils drei Monate) verglichen. Unter Insulin lispro wurden eine verminderte Hypoglykämierate, eine deutliche Dämpfung des postprandialen Blutzuckeranstieges und eine langfristig bessere Blutzuckerkontrolle erzielt.
- Die deutsche Arbeitsgruppe um Heinemann und Berger aus Düsseldorf wies bei Typ-I-Diabetikern nach, daß es unter der Gabe von Insulin lispro möglich ist, auch den postprandialen Blutzuckeranstieg nach einem kohlenhydratreichen Essen, zum Beispiel Pizza, Coca Cola und Tiramisu, besser abzufangen. Insulin lispro und herkömmliches Humaninsulin wurden in der Studie unmittelbar vor der Mahlzeit appliziert. Bereits in weniger als zwei Stunden nach der Applikation von Insulin lispro waren die Blutzuckerspitzen wieder im normalen Bereich, während dies beim Humaninsulin erst nach circa vierStunden erreicht wurde.
- Pfützner et al., Bad Homburg, konnten anhand einer Langzeitbeobachtung über 24 Monate zeigen, daß die positiven Effekte der Therapie mit Insulin lispro im Vergleich zur Normalinsulintherapie auch über längere Zeiträume durchgehend vorhanden sind. Gemessen wurden der HbA1c-Wert, das Körpergewicht, die Hypoglykämierate sowie Art und Umfang der unerwünschten Ereignisse. Insulin lispro zeigte sich als sehr gut verträglich. Besonders positiv ist zu werten, daß über den zweijährigen Therapiezeitraum kein Anstieg der Körpergewichte zu verzeichnen war.
Eine belgische Untersuchung zur Lebensqualität der Patienten - die meisten Teilnehmer waren Typ-I-Diabetiker - bestätigte eine Besserung des Wohlbefindens und der Lebensqualität unter der Therapie mit Insulin lispro. Die Patienten begründeten ihr Urteil damit, daß ihnen das Analog-Insulin mehr Freiheiten und eine stärkere Flexibilität im Alltag ermögliche. Höchsten Stellenwert hatte die Tatsache, daß Insulin lispro ohne Spritz-Eß-Abstand unmittelbar vor der Mahlzeit injiziert wird und daß es eine bessere Blutzuckerkontrolle ermögliche.