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Mutter vertraute nur auf Heilpraktiker: 15jährige Diabetikerin tot

GÖTTINGEN - Gegen ihre Mutter und den Heilpraktiker hatte die 15-jährige Diabetikerin keine Chance. Ihr Tod war quasi vorprogrammiert. Und damit nicht genug: Nachdem die Mutter die Krankenakten säuberlich vernichtet hatte, kam das unselige Gespann auch noch ungeschoren davon. Seit ihrem siebten Lebensjahr litt das Mädchen an Typ-1-Diabetes. Zunächst wurde es von der Hausärztin betreut. Doch bald geriet die Mutter zunehmend auf den Naturheil-Trip. Die junge Patientin landete in den Händen eines Heilpraktikers, der Hausärztin stattete man nur noch sporadisch Besuche ab.

Eine Fülle von Problemen trat auf: Untergewicht, Übelkeit, Erbrechen, Amenorrhoe, Lernschwierigkeiten und Sehstörungen. Der Stoffwechsel entgleiste, die Blutzuckerwerte kletterten auf über 350 mg/dl. Dennoch hielten Mutter und Heilpraktiker eisern am alternativen Fahrplan fest und kochten ihr Süppchen mit Belladonna, Ferrum metallicum, Silicea & Co. Die dringende Bitte der besorgten Ballettlehrerin, das magere Mädchen ärztlich behandeln zu lassen, wurde schlichtweg ignoriert. Selbst im Koma keine Gnade Selbst als das Kind zu halluzinieren begann, Essen und Trinken verweigerte und schließlich ins Koma rutschte, verzichtete die Mutter darauf, einen Arzt zu rufen. Sie nahm es hin, dass ihr Mädchen "einschlief". Als sie dann doch noch eine Notärztin holte, war es längst zu spät. Die Kleine war im Coma diabeticum verstorben. Bei der Obduktion stellte man neben anderen Befunden eine massive Überzuckerung fest, berichtete Privatdozent Dr. Gerhard Kernbach-Wighton, Institut für Rechtsmedizin, Universität Göttingen, bei der 75. Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Rechtsmedizin. So unglaublich sich die Krankheitsgeschichte des Mädchens gestaltet hatte, so "kriminell" ging die Geschichte aus. Die Mutter vernichtete alle Krankenakten einschließlich der Diabetes-Tagebücher. Das von der Staatsanwaltschaft eingeleitete Ermittlungsverfahren zog sich nur schleppend dahin und wurde eingestellt - "trotz aus rechtsmedizinischer Sicht eindeutiger Befundinterpretation", betonte der Kollege.

Der mächtige Einfluss der Mutter wird auch durch folgendes Faktum unterstrichen: Auf ihr massives Einwirken hin revidierte eine Zeugin, die Ballettlehrerin, ihre zuvor geäußerte Meinung als Fehleinschätzung.

MTD, Ausgabe 1/2 / 2001 S.5, CG

Mit freundlicher Genehmigung von Medical Tribune Online