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Erfahrungsbericht Hypo im Straßenverkehr
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Ingo
Rang: Gastam 21.06.2006 18:20:37
Ich möchte Euch mal kurz berichten, was mir vor einem guten Jahr widerfahren ist. Mich würde interessieren, ob jemand ähnliches berichten kann.
Ich war zu der Zeit in einem Autohaus tätig und Samstags der einzige, anwesende Verkäufer. An diesem Tag war quasi die Hölle los. Ein Interessent reihte sich an den nächsten... Von 9 Uhr bis 15 Uhr (normal wurde um 13 Uhr geschlossen) war ich im Dauerstress. Essen zwischendurch, Trinken zwischendurch, auf Toilette gehen.. Fehlanzeige. Keine Chance. Ich schätze, im Nachhinein betrachtet, daß ich gegen 12 Uhr erste Anzeichen eines Unterzuckers wahrgenommen habe. Glücklicherweise merke ich dies immer recht früh und kann entsprechend reagieren. Hier jedoch kam ich nicht dazu, Traubenzucker o.ä. zu essen. Natürlich, das sei an dieser Stelle bemerkt, hätte ich das sofort machen müssen.. okay, ging aber nicht bzw,. habe ich nicht. Langsam aber sicher wurden die Anzeichen immer deutlicher und der BZ sank gefühlsmäßig immer mehr. Ich war jedoch so im Gespräch mit Kunden, daß ich weiterhin nicht reagieren konnte / bzw. es nicht getan habe. Um circa 15 Uhr konnte ich endlich den Laden schließen, meine Sachen packen und heimfahren. Ich habe zwar gemerkt, daß der Zucker (zu) tief ist, aber dummerweise, ja, keine Entschuldigung der Welt gilt, dummerweise bin ich in meinen Dienstwagen gestiegen und wollte heimfahren. Ich konnte noch problemlos laufen (habe ich mir zumindest eingebildet) und konnte keine Einschränkungen feststellen. Habe auch nicht geschwitzt oder ähnlich. Und gelallt habe ich wohl auch kaum, denn das hätten die Kunden ja gemerkt. So. Ich bin vom Hof gefahren, hätte noch tanken sollen, erinnere mich noch, daß ich mich in die Schlange eingereiht habe (die Tankstelle war gleich neben dem Autohaus), aber, da es mir zu lange gedauert hat, bin ich losgefahren. Ich wollte ja nach Hause schnellstmöglich, da es mir echt gelangt hat für den Tag.... tja, und jetzt kommt es... das nächste, an das ich mich erinnere, sind einzelne Sequenzen... wie mir ein Auto entgegenkommt, ich noch kurz vor knapp nach rechts ausweiche, das Gehupe anderer Verkehrsteilnehmer, wie ich auf dem Seitenstreifen fahre und einen Pfosten umfahre etc. Kann mich noch erinnern, daß ich alles wie einen bösen Traum wahrgenommen habe. Nur war es keiner. So. Dann, das nächste, wie als ob man morgens aufwacht.. ich stehe in einer Straße, in einem Dorf. Brav geparkt auf einem Parkplatz. Und ich "wache" quasi auf... und habe natürlich überhaupt keinen Plan wo ich bin. Ich merke jetzt deutlich die schwere Hypo in den Beinen und Armen und im Körper.. denke, ob ich geträumt habe etc. Aber nee, nee.. ich habe nicht geträumt. Am Auto fehlt der rechte Spiegel, der Kotflügel ist zerkratzt und der Scheinwerfer defekt (sehe ich alles später). Kann das jemand von Euch nachvollziehen, sich da reinversetzen ? Ein Höllentrip. Nun, aber der ist noch nicht zu Ende, denn WO bin ich ? WAS ist alles passiert unterwegs ? Habe ich Dritte verletzt oder schlimmer noch ? Was tun vor allem ? Kein Mensch auf der Straße zu sehen... Traubenzucker habe ich keinen in meiner Aktentasche (unentschuldbar zum wiederholten Male). Ich hole mit mehr als zittrigen Fingern mein Handy raus und beim dritten Versuch gelingt es mir dann, meine Frau anzurufen. Vorher habe ich noch mal überprüft, ob ich überhaupt verständlich kommunizieren kann... nun, es geht soweit. Tja, und sie fragt, wo bist Du ? Gute Frage.. ich sage also "Ich weiß nicht, wo ich bin". Was lustig klingt entspricht in der Realität des Moments aber gerade dem Gegenteil. Und das muß ich ihr noch erklären.... Ich sehe kein Straßenschild, nichts, was mir helfen würde, herauszufinden, wo ich bin. Aussteigen und ein paar Schritte laufen traue ich mich nicht. Also habe ich das Auto gestartet, um im Schritttempo zu rollen und eine Hauptstraße o.ä. zu finden. Selbst im Schrittempo fahrend merke ich, daß ich weitab davon entfernt bin, ein Auto auch nur einigermaßen sicher irgendwo hinzusteuern. Wenigstens ist hier kein Verkehr.. Als ich eine Hauptstraße gefunden habe und weiß, wo ich bin, kommt auch schon ein Polizeiwagen angefahren. Die Polizei wurde natürlich benachrichtigt. Mal wieder ein Besoffener unterwegs o.ä. Obwohl ich die Konsequenzen gefürchtet habe in dem Moment, denn ich habe ja schon realisiert, daß das eben gerade alles eine selbstverursachte Katastrophe par exellence war, deren Folgen ich noch nicht absehen konnte, war ich selten so froh in meinem Leben. Ich bin dann ausgestiegen, denen ganz langsam entgegengegangen und habe ihnen meine Lage erklärt. Sie waren absolut hilfsbereit und verständnisvoll aber auch sehr betroffen, denn das hatten sie auch noch nicht erlebt. Sie haben halt mit einem Betrunkenen gerechnet oder einem Kind am Steuer.. Dann habe ich meine Frau angerufen, damit sie mich abholen kommt. Ich bin ca. 20km gefahren, ganz andere Richtung als mein Heimweg, in einem Zustand, der dem Tod näher war als dem Leben. Im Nachhinein ist es mir unbegreiflich, daß nichts Schlimmeres geschehen ist, als ein paar Kratzer am Auto. Ich hätte tot sein können, und nicht nur ich... Ihr könnt euch denken, daß es einige Zeit gedauert hat, dieses Erlebnis zu verarbeiten. Ich bin psychisch sicher kein labiler Mensch und es ist mir auch relativ gut gelungen, damit umzugehen, aber das war ein Schock der ersten Kategorie. Tröstlich war nur, daß niemandem etwas passiert ist und diese Hypo ja von mir bemerkt wurde, sie also nicht während des Fahrens vom Himmel gefallen ist. Ich hätte mich ja nie mehr ans Steuer getraut. Ich will das hier eigentlich euch nur mal schildern, denn diese Geschichte kann man nur ganz, ganz wenigen Menschen erzählen. Ich habe meine Lehren drausgezogen, was den Umgang mit einer nahenden bzw. frühen Hypo angeht.. das ist ganz gewiss. Mittlerweile habe ich auch einen "angenehmeren" Job. Vorher hatte ich lediglich ein Mal in 17 Jahren DM eine schwere Hypo. Nächtlich, mit Krämpfen, Schreien etc. alles was halt dazugehört. Aber die war ein Klacks gegen die Geschichte, die ich euch oben geschildert habe. Rechtliche Konsequenzen hatte es übrigens keine. Es ist niemand zu schaden gekommen. Die Polizei musste es allerdings an das Straßenverkehrsamt melden. Die haben es, ansonsten bin ich nie auffällig geworden, zu den Akten genommen, mich telefonisch befragt und das war es. Gibt es ähnliche Erlebnisse ? Was könnt ihr beisteuern ? -
klausdn
Rang: Gastam 21.06.2006 20:26:01
hallo,
zuerst du hast mehr glück als verstand gehabt,
normalerweise wäre die pappe weg, idiotentest, und verkehrsmedizinische begutachtung fällig.
aber , du hast gegessen getrunken, nix gespritzt in dem fall hätte ich keine hypo bekommen sondern eher ne hyper. und wenn du t 1 bist kannst du bei mehr als 250 schnell die kloschüssel umarmen, und dann garantiert nicht mehr fahren.(bei insulinmangel)
ansonsten mache ich das gerade bei längeren autofahrten daß ich die gewohnte basis spritze,
nicht esse, daher nicht bolus spritze, und mit kleinen be häppchen meinen bz um 120 halte , und damit habe ich bisher sehr zuverlässig weder ne hypo noch ne hyper gehabt.
daß wir dmler schnell unter beschuß kommen ist bekannt, gerade deshalb kontrolliere ich mich öfter als es ein gesunder tun würde.
mfg klaus von klausdn -
Ingo
Rang: Gastam 21.06.2006 21:59:03
Hallo,
nee, falsch verstanden.. ich hatte geschrieben, daß es nicht möglich war etwas zu essen oder zu trinken. Ich haatte daheim normal gespritzt und gegessen. Der Unterzucker kam einfach durch den tierischen Stress den Vormittag. Ich war ja nur am Hin- und Herlaufen, Autos bewerten, über Preise verhandeln etc. Das war wie drei Stunden Sport am Stück. Mehr Glück als Verstand haut hin. Ich weiß. -
Sun
Rang: Gastam 22.06.2006 00:54:25
spätestens als du geschlossen hattest hättest du deinen bz messen und darauf reagieren können... aussderm geht doch gesundheit vor.. udn schnell mal zwischen durch bz messen oder ein bisschen essen bzw. trinken wird ja wohl drin sein...
unverantwortlich, wa du da gemacht hast... von Sun -
Ingo
Rang: Gastam 22.06.2006 10:20:29
Auch Du hast Recht. Aber ich habe das hier nicht geschrieben, um mich richten zu lassen oder mir sagen zu lassen was ich mittlerweile eh weiß. Es war halt nicht so einfach möglich, bzw. ab einem gewissen Punkt war es nicht mehr möglich. Es war nicht so, daß ich gesagt habe, ach, das klappt schon.. ich war nicht mehr in der Lage vernunftbedingt zu entscheiden. Das ist ja auch das Gefährliche gewesen. -
Heiner
Rang: Gastam 22.06.2006 10:37:01
Hallo Anonym,
ich denke, viele Diabetiker haben etwas Vergleichbares schon einmal erlebt. Ich habe nur das Gefühl, du hast es noch nicht richtig begriffen, welche fast existentiellen Fehler du neben denen, die du erkannt hast, noch gemacht hast.
Der größte ist, dass du bei den ersten Anzeichen nicht reagiert hast und dich hinter dem beruflichen Stress versteckst. Es gibt zwar immer noch Leute, die in einem solchen Fall kein Verständnis für eine solche Situation aufbringen, aber der Normalbürger weiß heutzutage so viel über Diabetes, dass er dafür Verständnis hat, wenn du auf die Situation hinweist und entsprechend und damit vernünftig reagierst. Die 2 Minuten Zeit dafür hat jeder.
Für mich ist die von dir geschilderte Geschichte die Horrorvorstellung schlecht hin. Ich habe einen solchen Fehler ebenfalls gemacht, aber nicht in Verbindung mit einem Auto sondern bei einer großen Veranstaltung, für die ich mitverantwortlich war. Danach habe ich mir geschworen, dass mir so etwas nie wieder passiert. Ich hoffe, es gelingt mir auch.
Du solltest bei all dem Erlebten nicht vergessen, dass du diese Hypo "noch" selbst gemerkt hast. Ich habe seit 38 Jahren Typ I und hatte nach ca. 15 Jahren einige Jahre, in denen ich meine Hypos nicht mehr spürte. Dazu führen insbesondere häufige Hypos, die eine Art Gewöhnungseffekt haben.
Stell deine eigene Einstellung bezüglich deiner Hypos um. Wenn du eine hast, hat diese absoluten Vorrang. Stell dir nur einmal vor, du hättest in der Hypo jemandem einen Porsche 911 für 5.000 ¤ verkauft (mir ist klar, dass das rechtlich anfechtbar ist). Du bist dir selbst - vor allem im Beruf - der nächste.
Gruß und viel Glück beruflich (ohne Hypos) Heiner -
candyman*
Rang: Gastam 22.06.2006 12:45:10
Hallo Anonymer,
Deinen "Bericht" habe ich wie ein Krimi gelesen;
Ich glaube schon, daß die vielen Tipps und Ratschläge hier helfen.
Du hattest Dich auf die Verkaufssituation mit Kunden und dem ganzen drumherum konzentriert und hast den DM keine Chance gegeben ihm sich zu widmen.
Ich weiß nicht, ob Verdrängung das richtige Wort ist. Als Du Feierabend hattest und ins Auto einsteigen wolltest, hättest Du zwar nochmal messen sollen.
Es kann aber vorkommen, was mir auch schon passiert ist, daß das Gehirn mit Zucker unterversorgt ist und auf "Sparflamme" arbeitet. Man macht dann Dinge, die nicht mehr logisch erscheinen.
Man hat nur noch ein Ziel, nach Hause und weit weg von dem Tagesgeschehen und dann entspannen. Der DM läuft zwar im Hinterkopf mit, aber irgendetwas blockiert um die SItuation klar zu deuten.
Es hätte schlimmer kommen können, Du hast nochmal Glück im Unglück gehabt.
Aber laß Dich deswegen nicht verunsichern.
Candyman*
von candyman* -
Fuchs
Rang: Gastam 22.06.2006 18:32:54
Ih habe den Trip vor einigen Monaten im Büro erlebt.Ich war an diesem Tag alleine dort - also keinerlei Kontrolle durch Kollegen.
Ein Anruf nach dem anderen, Megastress und dann bin ich ganz langsam in die Matrix abgerutscht. Es war wie ein surrealer Traum, alles verlangsamt, ich habe am Telefon Dinge zwei- oder dreimal wiederholt. Ich habe erstaunlicherweise noch funktioniert, doch wie...? So stelle ich mir LSD oder Heroin vor. Erstaunlicherweise habe ich dann doch etwas gemerkt und Traubenzucker genommen. Gaaanz langsam ging es dann wieder. Ich habe einige der Kunden am nächsten Tag angerufen und mich für mein Gebrabbel entschuldigt....
Aber so etwas beim utofahren zu bekommen wäre der Horror schlechthin. war bin ich gut eingestellt und Unterzuckerungen gibt es sehr selten. Dennoch müsste ich vor und beim Fahren mehr kontrollieren.
Fuchs -
Ingo
Rang: Gastam 22.06.2006 19:00:14
Hallo Fuchs,
genau, Du triffst es auf den Punkt. Man steht so unter Strom, daß einem die Situation langsam entgleitet. Ganz surreal etc. Man stammelt herum aber ist nicht in der Lage konsequent dagegen etwas zu unternehmen. Wer so schreibt wie Sun oben, daß es doch hätte möglich sein müssen, etwas zu essen etc. zeigt, daß sie/er es noch nicht erlebt hat. Das ist es einfach zu schreiben "Du hast verantwortungslos gehandelt". Das Hirn arbeitet auf Sparflamme, wie oben auch einer geschrieben hat.. Eine ganz, ganz gefährliche Situation, denn ich glaube, irgendwann schaltet wirklich das Hirn ab und man handelt nicht mehr rational.. -
Maria
Rang: Gastam 22.06.2006 21:07:43
Hallo Anonym!
Ich gratuliere dir zu deinem Glück! Hoffentlich kommst du nie
wieder in eine ähnliche Situation.
Mir ist es beim Langlaufen so gegangen, dass ich zu zittern begonnen habe und nicht mehr weiterkam, Müsliriegel eingesteckt hatte, aber von mir aus gar nicht mehr auf die Idee
gekommen wäre, sie auch zu essen. Mein Mann musste mir sagen, dass ich essen solle. Klar gedacht habe ich da schon nicht mehr.
Jeder, der jetzt den "moralischen Zeigefinger" drohend erhebt,
hat wohl kaum begriffen, wie es dir ergangen ist.
Alles Gute!
Maria