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Trauerarbeit und Diabetes
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Christine
Rang: Gastam 31.01.2005 00:00:39
Hallo!
Suche Diabetiker, für die das Thema verpasste Trauer/Tabuisierung des Diabetes in der Familie auch Bedeutung hat. Hat jemand Erfahrungen mit Familientherapie gemacht? Ich weiß, dass dies ein schwieriges Thema ist - würde mich über Austausch sehr freuen.
Gruß,
Christine -
Lovely
Rang: Gastam 04.02.2005 21:25:13
Hallo Christine.
Bist Du selber betroffen innerhalb einer Familie oder fragst Du aus Interesse?
Gruß,
Lovely -
Christine
Rang: Gastam 05.02.2005 12:58:30
Ich bin selber Diabetikerin und mußte vor kurzem leider feststellen, daß das Thema Krankheit in unserer Familie immer schön unter den Tisch gekehrt wurde, bzw. der Großteil der Familie sich in meinem Leben bisher kein einziges Mal nach meinem Gesundheitszustand erkundigt hat. Ich bin 28 und mit 3 Jahren krank geworden. Ich glaube z.B. auch, dass meine Geschwister bis heute so gut wie nichts über den Diabetes wissen.
Es geht mir dabei aber eigentlich nicht um die "medizinische" Seite des Diabetes. Natürlich mußte sich jemand darum kümmern, mich versorgen, mich spritzen (als ich noch klein war) und das war ständig Thema. Aber die emotionale Seite, sprich Stress, Trauer, Unverständnis (was stimmt mit meinem Körper nicht?) wurde nicht aufgefangen, im Gegenteil: Bis heute werden meine negativen Emotionen bagatellisiert (du kriegst dein Leben doch gut in den Griff), bzw. wird mir die Berechtigung meiner negativen Emotionen genommen (mach nicht so ein Theater).
Soviel dazu. Was denkst du? Wie wichtig findest du die Krankheitsbewätigung, bzw. Thematisierung in der Familie?
Ich wohne nicht mehr zuhause seit ich 19 bin und hatte immer räumlichen Abstand zu meiner Familie, aber dieses Thema war für mich immer wichtig und lässt mir vor allem im Moment keine Ruhe.
Gruß,
Christine -
Lovely
Rang: Gastam 05.02.2005 20:46:41
Hallo Christine.
So, wie Du es beschreibst, könnte es auch ein Bericht von mir sein. Ich habe es ungefähr genauso erlebt.
Meine Mutter hat uns später mal erzählt, wie es war, als sie mit meiner Schwester und der Diagnose Diabetes aus der Klinik kam. (Meine Schwester ist 1 J. älter als ich, hat mit anderthalb Zucker bekommen, ich selbst mit 3 J., ich bin jetzt 35 J. alt.)
Am Mittagstisch der Großfamilie hat sie die Diagnose bekannt gegeben und meine Oma sagte: "Oh Gott, am besten erzählen wir das gar nicht herum, dass soll keiner wissen."
Man hat sich also für uns geschämt. Nun ja, heute weiß ich, dass meine Oma wohl gar nicht anders konnte, weil 2 Generationen über mir eine Krankheit noch als Makel galt. Hinzu kommt, dass meine Familie vor etlichen Generationen eine Art "Gutshof-Familie" war, also eine besser gestellte Sippschaft, als die umliegenden Nachbarn, die zur Jahrhundertwende alle für den Gutshof gearbeitet hatten. Das war natürlich zu meiner Zeit nicht mehr so, aber ich glaube, dass es in den Köpfen meiner Großeltern noch aktuell war.
Ich will damit sagen: Schön war es nicht, aber zumindest kann ich es mit heutigem Wissen erklären und damit auch zur Ruhe kommen.
Ich stufe mein Verhältnis zu meinen Eltern als sehr kühl ein. Eine wirklich emotionale Beziehung haben wir nicht gehabt. Wir wurden versorgt mit Essen, Trinken, Kleidung, aber Gefühle blieben auf der Strecke.
Allerdings geht es hierbei in meinen Augen mehr um Psychologie und Beziehung. Der Diabetes tritt nur als Randerscheinung auf, weil sich das ganze Konglumerat an Unstimmigkeiten in den Beziehungen eben auch im Diabetes ausdrückt bzw. widerspiegelt. Mit anderen Worten, der Diabetes und Krankheit ansich war nur ein kleiner Teil der Schwierigkeiten.
Ich habe vor Jahren eine Therapie gemacht, um all das auf zu arbeiten. Ändern konnte und kann ich meine Eltern nicht. Verstanden haben sie auch kein Wort von dem, was mich bedrückte. Also habe ich mich selbst geändert. Heute betrachte ich meine Eltern wie "nette Nachbarn", mit denen man höflich umgeht, aber sonst nichts erwartet.
Du betrauerst, dass Deine Eltern sich nicht nach Deinem Gesundheitszustand erkundigen. Ist es nicht in Wirklichkeit so, dass es gar nicht nur um den Diabetes geht, sondern Du betrauerst, dass Du Deinen Eltern scheinbar egal bist?
Ich kann Dir nur empfehlen, diese Probleme in einer Therapie zu thematisieren. Ob du mit Deinen Eltern über die Probleme reden kannst, weiß ich nicht, aber Du kannst für Dich Klarheit schaffen und vor allem einen anderen Umgang damit. Wenn Du aufhören kannst zu hoffen, dass eine Reaktion von Deinen Eltern kommt, dann kannst Du auch zur Ruhe kommen. Aber ich sage Dir auch, dass das ein langer Weg ist. Ich habe vor 8 Jahren eine zweijährige Therapie gemacht und habe inzwischen sehr viel bewältigt, aber ganz befreit von plötzlich auftretenden Hassgefühlen bin ich immer noch nicht.
Ich habe in diesem Forum unter "Kinder" einige Beiträge geschrieben, in denen ich von der Umgangsweise meiner Eltern mit unserem Diabetes geschrieben habe. Wenn es Dich interessiert, dann such ich mal heraus, welche Beiträge das waren.
Gruß,
Lovely -
Christine
Rang: Gastam 05.02.2005 22:56:41
Hallo!
Vielen Dank für die Antwort, ich habe es mit großem Interesse gelesen. Ich habe Ähnlichkeiten gefunden aber auch große Unterschiede. Erstmal zu den Ähnlichkeiten: Auch in den Familien meiner Eltern gab es Krankheiten, bzw. ich nenne es mal "Ausfälle" oder "Aus der Reihe tanzen" wie Krebs, Drogen- und Magersucht, Selbstmord, auch schwarze Schafe wie z.B. die, möchte ich sagen, psychisch kranke Schwester meiner Mutter. Ich glaube, schon das alles waren und sind auf irgendeine Weise Symptome für nicht ausgesprochene, bzw. verarbeitete Krankheit, nicht zugelassene Trauer oder ganz einfach Konflikte oder negative Gefühle - "für alles, was schlecht ist" eben. Und ich kann nachvollziehen, dass meine Eltern auf Grund eigener Erfahrungen vielleicht selber zu schwach waren, meine Trauer mitzutragen oder mich zu unterstützen, weil sie diese Konfrontation einfach nicht verkraftet hätten. Das mich das allerdings auch sehr verletzt und wütend macht ist auch klar.
Wo die Unterschiede liegen: Ich bin mir sicher, dass ich meinen Eltern nicht egal bin, auch wenn ich leider oft das Gefühl hatte. In Gesprächen mit meiner Mutter kam raus, dass sie sich wahnsinnige Sorgen um mich gemacht hat und es aber nicht deutlich genug ausgesprochen hat und ich das als Desinteresse ausgelegt habe und erst recht dichtgemacht habe. So ergibt eins das andere und wie das Schicksal halt so spielt: Es gibt im Leben fatale Mißverständnisse.
Ich habe auch 2 Jahre Therapie hinter mir, die mich weitergebracht haben. Aber ich glaube, für dieses Problem brauche ich meine Familie zur Unterstützung. Und du hast recht: Es ist er ein Kommunikationsproblem als ein reines Diabetes-Problem.
Man hört ganz selten von Diabetikern, die es so früh gekriegt haben, oder? Wie geht es denn deiner Schwester heute damit? Tauscht ihr euch aus?
Gruß,
Christine -
Christine
Rang: Gastam 05.02.2005 23:55:32
Hallo, Lovely!
Habe nochwas vergessen: Würde mich über die Berichte, die du geschrieben hast, sehr freuen. Diabetes-kids.de ist auch eine ziemlich gute Seite...!
Gruß,
Christine -
Mäxchen
Rang: Gastam 12.02.2005 15:36:15
Guten Tag , ich habe eben dieses Forum entdeckt und auch gleich diese Beiträge. Ich bin seit meinem 8. Lebensjahr Diabetiker und bin jetzt 52 J. alt . . Irgendeine Hilfe zur Verarbeitung der Erkrankung habe ich bis heute nicht erhalten. Zwar geht es mir heute dank Pumpe und einer guten Ärztin viel besser als in meiner Kindheit . Aber die damals geschlagenen Wunden brechen immer wieder auf. Ihr könnt Euch sicher vorstellen , daß es unmöglich ist , mit 2 Depot-Insulinspritzen am Tag als Kind vernünftige Werte zu haben. . Verstandesmäßig weiß ich das . Aber das Gefühl :egal ,was ich tue , es kommt doch nichts dabei heraus ,wird mich mein Leben lang begleiten . Ich wurde bei meinen vielen Krankenhausaufenthalten immer so behandelt , als sei ich eigentlich selber schuld an der Erkrankung und auch daran , daß man sie nicht in den Griff bekam. Ich war lästig , da ich nicht im Bett lag ,störte ich . So behandelt zu werden hängt einem ein Leben lang nach ! Von meinen Eltern kam viel Liebe ,aber sie waren so hilflos , daß sie keine Stütze waren. Ich finde für all das , was da immer noch auf der Seele brennt , keine Gesprächspartner. Diabetiker meines Alters sind immer TypII ,bekommen von Anfang an eine gute Behandlung und verstehen nicht , wovon ich rede. Es sind zwei Welten. Liebe Grüße Mäxchen -
Ines
Rang: Gastam 14.02.2005 09:34:28
Hallo an alle,
also ich komme aus einer Familie, in der der Diabetes immer dazugehörte. Ich habe kindliche Erinnerungen an meine Großmutter, die immer heimlich mit mir Eis essen ging, weil alles verboten war und alle anderen Familienmitglieder meckerten, wenn sich die Oma mal nicht an die strengen Ernährungsvor- schriften gehalten hat. Meine Mutter ist seit ich denken kann Diabetikerin. Ich kannte bis zu meiner Erkrankung den Diabetes also von der anderen Seite und kann bestätigen, daß ein Gesunder (natürlich) trotz allem Wissen nicht das Verständnis für alle Facetten des Diabetes, insbesondere nicht für die psychische Seite, hat und auch nicht haben kann. Das heißt jedoch nicht, daß man sich als Angehöriger nicht für den Gesundheitszustand des Verwandten interessiert. Man ist selbst auch unsicher -
und was noch wichtiger ist, man betrachtet das Ganze aus einer ganz anderen Perspektive. Man sieht je dem Diabetiker nicht unbedingt an, daß er krank ist. Als Jugendliche hat mich dann eher das ständige Warnen vor Diabetes genervt. Ein Diabetiker kann manchmal auch ein ziemlich nervtötendes Wesen sein ... ;o) für seine Umgebung.
Ich denke, daß sich seit meiner Oma-Erfahrungen der Umgang mit Diabetes und Diabetikern stark gewandelt hat.
Trotzdem muß ein jeder Betroffene erst mal damit klarkommen. Und ich denke, es ist notwendig, sich offensiv mit der Erkrankung des Körpers auseinanderzusetzen und sich - vor allem - selbst zu helfen. Dafür finden wir Diabetes-Neulinge heute sicherlich viel bessere Voraussetzungen.
Ines