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Was ist dran am glykämischen Index?

Schon vor mehr als 100 Jahren gab es in der damaligen Diätbehandlung für Diabetiker die Bemühungen, für gleiche Kohlenhydratmengen in unterschiedlich großen Nahrungsmittelmengen eine Vergleichsgröße zu bilden; so entstand die "Broteinheit", die BE. Mit dieser Rechnungseinheit oder auch Kohlenhydrateinheit kann man beim Nahrungsmittelaustausch dafür sorgen, daß die gleichen Kohlenhydratmengen genossen werden, auch wenn die Nahrungsmittel in ihren Mengen sehr unterschiedlich sein können (die Rechengröße BE bedeutet 12 kg Kohlenhydrate, 12 g Kohlenhydrate können in etwa 25 g Brot enthalten sein oder auch in etwa 80 g Kartoffeln). Man wußte aber auch schon vor 100 Jahren, daß die gleichen Kohlenhydratmengen in verschiedenen Nahrungsmitteln, z. B. in Rüben oder in Brot genossen, zu unterschiedlich raschem und unterschiedlich hohem Blutzuckeranstieg führten. Diese unterschiedliche Wirkung gleicher Kohlenhydratmengen auf den Blutzuckerverlauf soll durch den glykämischen Index (GI) beschrieben werden.

Der glykämische Index - seine theoretische Bedeutung

In zahlreichen Untersuchungen wurde der glykämische Index für viele Nahrungsmittel beschrieben und in Vergleich zu Traubenzucker (Glukose) gesetzt. Dabei wird der Blutzuckeranstieg durch Traubenzucker mit 100 Prozent angenommen. Nahrungsmittel mit gleicher Traubenzuckermenge, aber langsamerem und geringerem Blutzuckeranstieg haben einen niedrigeren glykämischen Index; so kann man die kohlenhydrathaltigen Nahrungsmittel einteilen in solche mit einem hohen, mit einem mittleren und mit einem niedrigen glykämischen Index: Diese eher theoretische Grundlage zur Definition des glykämischen Indexes bei verschiedenen Nahrungsmitteln kann praktisch nur sehr allgemein mit dem Merksatz beschrieben werden: Je größer der glykämische Index eines Nahrungsmittels ist, desto rascher und höher ist der Blutzuckeranstieg nach Genuß dieses Nahrungsmittels!

Je kleiner der glykämische Index ist, desto langsamer und geringer verläuft der Blutzuckeranstieg nach Genuß dieses Nahrungsmittels! Schon bei den grundlegenden Untersuchungen zur Theorie des glykämischen Indexes wurden zahlreiche Faktoren bekannt, die die geringe praktische Brauchbarkeit zeigen. Denn der glykämische Index ist sehr personenspezifisch, ein und dasselbe Nahrungsmittel kann bei verschiedenen Menschen sehr unterschiedliche Indizes bedingen.

Die Exaktheit eines glykämischen Indexes auch für den einzelnen wird durch weitere Faktoren in Frage gestellt: Wechselnde Verdauungsaktivität, Auswahl unverdaulicher Kohlenhydrate, Vorbereitung der Nahrungsmittel, Verzögerung der Magenentleerung und vieles andere können den glykämischen Index eines Nahrungsmittels beeinflussen; das hat zur Folge, daß der theoretisch beschreibbare glykämische Index eines Nahrungsmittels für den praktischen Einsatz dieses Nahrungsmittels nur von begrenztem Wert ist.

In der Praxis ohne besonderen Wert

Im Alltag des Diabetikers, in den praktischen Empfehlungen des behandelnden Arztes und auch in den ärztlichen Lehrbüchern über den Diabetes spielt der glykämische Index keine besondere Rolle: Das ist verständlich, wenn man an die genannten Einflüsse denkt, die den glykämischen Index bei einem Nahrungsmittel für ein und denselben Menschen unterschiedlich erscheinen lassen können. Es wird noch verständlicher, wenn man bedenkt, daß die meisten auf ihren glykämischen Index geprüften Nahrungsmittel eben nur als einzelne Nahrungsmittel geprüft worden sind, und nicht im Zusammenhang mit einer normalen Mahlzeit: So nutzt es wenig, wenn man den glykämischen Index von Brot ohne Belag kennt, wenn man stets Brot mit Belag ißt.

Wenn der glykämische Index also keine unmittelbare praktische Bedeutung hat, so ist doch das Nachdenken über den unterschiedlichen Blutzuckeranstieg nach unterschiedlichen Nahrungsmitteln für manchen Diabetiker von praktischer Bedeutung: Denn wenn man sich eher mit Nahrungsmitteln ernährt, die einen niedrigen glykämischen Index haben - unter 55 Prozent -, dann wird man einen niedrigeren nachfolgenden Blutzuckeranstieg erwarten können als wenn man Nahrungsmittel mit einem hohen glykämischen Index wählt (zwischen 70 und 100 Prozent). Diese allgemeine Feststellung muß man aber für den eigenen Blutzuckerverlauf durch Austesten überprüfen.

Interessierte Diabetiker, die gerne ausprobieren wollen, können sich dazu kleine Testmahlzeiten vorbereiten, z. B. einmal 2 BE Kartoffelbrei ohne Milch und Fett und das nächste Mal 2 BE Kartoffelbrei mit Zugabe von Milch und Fett; oder ein anderes Beispiel: das eine Mal 2 BE Vollkornbrot ohne Streichfett und Belag und das nächste Mal die gleiche Menge und Sorte Vollkornbrot mit Streichfett und Belag belegt. Wenn man nun bei solchen Vergleichsmahlzeiten jeweils vorher sowie 1, 2 und 3 Stunden nach der Mahlzeit den Blutzucker mißt und aufschreibt, dann kann man später vergleichend erkennen, welche Mahlzeit einen niedrigeren und damit günstigeren glykämischen Index hatte. Das

 

Fazit ?

Die kritische Frage für diesen Artikel war: Ist etwas dran am glykämischen Index? Die Antwort lautet: Der glykämische Index ist eine theoretisch interessante Meßgröße, die für Diabetiker bei der Auswahl der Ernährung praktisch kaum hilfreich ist.

Kein Diabetiker muß dazu den glykämischen Index nutzen. Wer es dennoch ausprobieren will, darf allein dadurch keine Besserung seiner Diabeteseinstellung erwarten; er sollte aber die Ergebnisse seiner Testmahlzeiten besprechen: mit einer erfahrenen Diabetesärztin, mit einem erfahrenen Diabetesarzt oder mit einer erfahrenen Diätassistentin - um möglicherweise sinnvolle Konsequenzen für die zukünftige Ernährung daraus abzuleiten.

Mit freundlicher Genehmigung von

28.07.2003
Marie-Luise Kohnhorst Referatsleiterin Fortbildung Deutsche Gesellschaft für Ernährung e.V.
Diabetes-Journal Heft 5, 2003, Seite: 46-47