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Frage an die "alten Hasen"

  • Maria N

    Rang: Gast
    am 26.11.2007 17:49:12



    Beim Räumen hat meine Mutter das Diabetiker- Tagebuch meines Vaters gefunden. Er ist 1991 mit 79 Jahren verstorben.
    Damals hat er morgens 12E und abends 10E Protophan gespritzt und den Blutzucker nüchtern und vor dem Mittagessen gemessen, wobei er Werte über 300 mit Actarapid korrigiert hat.
    Seine Morgenwerte lagen oft um oder über 200, vor dem Mittagessen zwischen 200 und 300.
    Weiß jemand von euch, ob damals so viel höhere Zielwerte gegolten haben?
    Oder waren die Ärzte der Meinung, in seinem Alter müsse man ohnehin nicht mehr alles so genau nehmen?
    Welche Art von Insulin waren Protophan und Actarapid?
    Mein Vater erkrankte mit 47 an Diabetes, wahrscheinlich ausgelöst durch einen emotionalen Schock. Heute würde die Diagnose wohl wie bei mir ?später Typ 1? lauten.
    Lieben Gruß
    Maria N
  • Erwin Weindl

    Rang: Gast
    am 26.11.2007 21:11:21
    Hallo Maria,
    Protaphan war ein NPH-Verzögerungsinsulin, Novo Actrapid bis 1989 Novo Actrapid HM (Humaninsulin) ab 1989 als kurzwirksames Bolusinsulin. Schon 1991 war es nicht mehr üblich mit Patientin mit diesen Werten umzugehen. Wenn allerdings jemand Diabetes schon in den 60er Jahren bekommen hat, hat er noch ein ganz anderes Wissen in sich. 1979 galt noch als wünschenswertes Ergebnis einer Diabetestherapie HbA1c <10%. Das entspricht einem durchschnittlichen Blutzucker von 250.
    Aber dein Vater kam noch aus der Stahlzeit der Insulintherapie wo es nicht einmal noch die Möglichkeit einer HbA1c - Bestimmung gab. BZ- Kontrolle mit Teststreifen und Farbvergleich, Spritzen auskochen uvm. Mit dem alt werden hat er sicherlich die Entwicklung, die vorallem ab 1985 mit dem Novo Pen und der Basis Bolus Therapie begonnen hat nicht mehr aktiv mitgemacht oder sein Wissen erweitert.

    Wenn du noch mehr über diese Zeit wissen möchtest lass es mich wissen.
    LG Erwin von Erwin Weindl
  • Maria N

    Rang: Gast
    am 26.11.2007 22:43:13
    Hallo lieber Erwin!
    Vielen Dank für deine Informationen.
    Mein Vater hat in seinem Diabetiker-Tagebuch notiert: Protaphan HM Penfill. Ich nehme also an, dass er bereits einen Pen benutzt hat. Du solltest sein bis an seinem Todestag exakt geführtes Büchlein sehen! Er hätte sicher eine Basis-
    Bolus- Theraphie gemacht, hätte sie ihm nur jemand vorgeschlagen, denn er war geistig äußerst rege. Die Blutzuckerstreifen hat er sich selber gekauft, ebenso wie das Messgerät.
    Als ich heuer in Aflenz auf Fit eingeschult wurde und danach meinen Hausarzt aufgesucht habe, war er fassungslos über den ?Aufwand?, den ich nun zu betreiben hätte und er meinte, ich könne das nie durchhalten. Er wollte mich umgehend in die Diabetes- Ambulanz schicken, um die Angepasstheit der Therapie überprüfen zu lassen. 9 Monate später, im November, war ich dann endlich in der Ambulanz und ließ mir dort in einem Arztbrief bestätigen, dass
    alles bestens läuft. Mein Hausarzt interessiert sich nicht mehr für mein Fit ? Tagebuch. Ich denke, er kennt sich damit nicht so recht aus. So geht es mir also heute, 16 Jahre nach dem Tod meines Vaters! Hätte er damals die Möglichkeit gehabt, Internetforen zu nutzen, und wären die Zielwerte nicht so hoch gewesen, er hätte sicher einiges anders gemacht. Was aber dennoch unwahrscheinlich ist: Er hatte keine gravierenden Folgeschäden. Das finde ich für mich sehr beruhigend.
    Lieben Gruß
    Maria N
  • Erwin Weindl

    Rang: Gast
    am 26.11.2007 23:34:55
    Hallo Maria,
    das ist ja toll was ich da von deinem Vater höre. Ich selbst wurde noch 1978 als frisch entdeckter T1 mit Euglucon und 10 BE pro Tag eingestellt (war erst 20). Ich hatte damals das Glück dass die Mutter einer Freundin eine Pionierin der damaligen Diabetesbehandlung war und diese hat mich dann auch auf Insulintherapie gebracht. Ich habe schon 1978 eine Art BBIT betrieben jedoch nicht zu vergleichen mit den heutigen Methoden. Alles herausgefunden mit "try and error". Es gab damals werder Austauschtabellen noch Blutzuckermessgeräte (mein erstes war 1980 das AMES Dextrometer), keinerlei Mathematik wie x IE pro BE etc. Das Stechen für den BZ Test erfolgte mit Stahllanzetten, Spritzen waren 2ml und hatten dicke Spitalsnadeln (das waren noch richtige Insulinspritzen) erst später gab es die BD U40 und all die Dinge mußte man bezahlen. BZ Gerät, Streifen BD U40 Spritzen. Ich bin mir heute nicht mehr sicher ob es die Bezeichnung Dawn-Phänomen schon gab ich habe einen morgentlichen Gupf dafür gespritzt. Auch das Insulin (Actrapid) war noch sehr langsam 4-6 Stunden Wirkungsverlauf was auch mit den Korrekturen schwierig war da die Kurven natürlich überlapten.
    Ich habe aus dieser Zeit natürlich Spätschen davongetragen, aber nicht weil ich zu dumm war oder mich nicht um meinen Diabetes gekümmert hätte sondern weil es damals nicht besser ging und der mündige Patient überhaupt nicht gefragt war. Leider gibt es so ein Stadt Land-Gefälle auch heute noch. Nicht mehr so arg aber immer noch. Eines hat sich auch bis heute nicht geändert - der Hausarzt hat immer noch das Wissen seiner Studienzeit oder wurde von einem Pharmareferenten überzeugt was er verschreiben soll.
    Ich hoffe dir geht es mit deinem Diabetes besser als es einst deinem Vater ging.

    LG Erwin von Erwin Weindl
  • Maria N

    Rang: Gast
    am 27.11.2007 14:48:58
    Lieber Erwin!
    Wenn ich so lese, was du alles erlebt hast, weiß ich die Entwicklung in der Diabetes- Behandlung erst so richtig zu schätzen.
    Alles Gute für dich!
    Maria N
  • Barbara

    Rang: Gast
    am 27.11.2007 16:17:47
    lieber Erwin, was mich in Deinem Schreiben wundert,daß Du Typ 1 bist und am Anfang Deines
    Diabetes Euglucon bekamst . Denn der Typ 1
    fängt doch gleich mit Insulin am,denn die BS gibt
    doch nichts her. So weit ist es mir jedenfalls bekannt.
    Ich habe auch seit 79 Diabetes. Du hast recht, zu
    der zeit bekam man kaum Aufklärung und Informationen.10 Jahre ging ich auch unwissend
    durch die Welt. Ich bekam damals einen Diätplan in die Hand gedrückt und dann wurde ich laufen gelassen. Ich fragte nur noch den Arzt ,ob ich das vor oder nach dem Essen einnehmen soll. Da wurde ich überhaupt nicht von satt. Und worauf es ankam
    wurde mir nicht gesagt.
    Die Folge war,daß ich heute Spätschäden habe ,
    Neuropathie in den Füßen, sodaß mir das Laufen
    schwer fällt. Dadurch habe ich gleichgewichtsstörungen. Heute weiß man Bescheid und passe höllisch auf und daß mein Hba1c Wert nicht mehr über 7 kommt.. Ich habe mal gelesen,daß
    nach 15 Jahren Spätschaden eintreten.
    Liebe Grüße
    Barbara





  • Erwin Weindl

    Rang: Gast
    am 28.11.2007 01:31:49
    Hallo Barbara,
    mein Hausarzt hat damals Diabetes diagnostiziert und ich wurde in eine Ambulanz überwiesen. Dort war folgendes Szenario. Ich wurde aufgerufen, man hat mir erklärt dass ich ab heute Diabetiker bin und Euglucon nehmen soll und dass die Diätberaterin auf Zimmer x zu finden sei und dass ich pro Tag 10 BE essen soll.
    Ich habe damals nicht gewußt wie ich davon satt werden soll. Bei Hungergefühl sollte ich es mit Suerkraut versuchen.
    Heute würde ich zu Gericht pilgern. Damals war ich noch nicht 20, jung und völlig per Plex mir standen die Tränen in den Augen. Das mit dem Euglucon war nur ganz kurze Zeit bis ich mich informiert habe und eine ordentliche Ärztin kunsultierte. Aber das war damals so. Diese Ärztin half mir wirklich da sie die Mutter einer Freundin war und da hatte ich infos die sonst nicht verraten wurden. Ich habe damals schon essensabhängig gespritzt. Musste die Dosis aber erst herausfinden die ich brauchte. Damals war es noch üblich einmal im Monat in die Ambulanz zu kommen. Nüchtern, mit einem 24h Harn. Alleine das Sammeln war schon zum Kot...en. Bin gar nicht sicher ob ganz am Anfang ein HbA1c bestimmt wurde. Der nüchtern BZ war das Maß aller Dinge.
    Das die Bauchspeicheldrüse nichts hergibt bei T1 ist davon abhängig in welcher Phase die Diagnose kommt. Die BS ist nicht gleich völlig im Eimer. Nur so kann ich mir meine komische Anfangstherapie heute erklären.
    Ich glaube die Grundeinstellung war damals bei mir Früh und Abends Novo Lente (Rinderinsulin) mit Actrapid mischen 2 - 3 - 2 - 3 BE essen.
    So nach 3 Monaten habe ich das Mischen weggelassen und 2 x Lente gespritzt und essensabhängig Actrapid. Aber Mathematik gab es noch keine. Aber meine Mutter hat mit um ATS 10.000,-- ein BZ Gerät geschenkt das damals ganz neu am Markt war und wir haben beim Importeur die BZ - Streifen 25 Stk. um ATS 269,-- gekauft. 1980 habe ich dann 4 x täglich gemessen. Mehr konnte ich mir nicht leisten. Selbst die Plastipack Spritzen a um ATS 7,-- oder 1 DM musste ich kaufen.
    Wenn ich heute hier im Forum Klaus lese und er sagt dass man ein BZ Gerät nicht kauft sondern einfach irgendwo bestellt, denke ich oft daran wie gut es heute doch ist.
    Ich habe auch nocht mit Dextrostix und Farbvergleich auskommen müssen was verglichen mit dem Clinitest ja schon super war.
    Logo - die kalten Zehen habe ich auch Nachts - bei einem gut eingestellten Diabetes mit HbA1c unter 10 - so wie es 1980 noch war kann man auch nichts anderes erwarten. Aber uns geht es gut. ich habe damals so viele junge Menschen gesehen die gerade amputiert wurden weil diese schon in den frühen 70er jahren mit noch weniger an Erfahrung behandelt wurden.

    Wir können die Zeit nicht zurückdrehen die uns so manchen Folgeschaden bereitet hat. Wir können nur all jene warnen die bei den heutigen Behandlungsmethoden mit ihrem Diabetes umgehen wals würden sie vor 30 Jahren leben.

    Alles Liebe
    Erwin
    von Erwin Weindl
  • Nicki

    Rang: Gast
    am 28.11.2007 08:51:21
    Hallo ich bin neu hier habe aber schon Diabetes seit 1974 .Damals mußte ich meine Glasspritze noch auskochen Blutzuckertesten kamm erst später man testete sein Urin im Reagensglas mit einer Tablette .Süßigkeiten waren ganz tabu und das mit 9 Jahren und Fünf gesunden Geschwistern.HbA110-13 war normal .
  • Erwin Weindl

    Rang: Gast
    am 28.11.2007 11:13:22
    Also für mich war das Ärgste damals das Stechen mit den Lanzetten als es noch keine Stechhilfen gab. Da hat man sich 5 x in den Finger gestochen und hat ausgesehen als hätte man versucht sich die Finger aufzuschneiden. von Erwin Weindl
  • Nicki

    Rang: Gast
    am 28.11.2007 12:58:59
    Das stechen ging bei mir noch .Abermeine Eltern haben mir damals eine automatische Spritze besorgt ,wo ich drauf drücken mußte und die Nadel automatisch rein geschossen wurde .Die Nadel war auch nicht so klein wie heute. Nach ein paar mal habe ich sie in die Ecke gelegt und nie wieder angerührt .
    MfG Nicki