Willkommen Gast! Um alle Funktionen zu aktivieren musst Du Dich Anmelden oder Registrieren.
Blutzuckerzielwerte mit Metformin
-
Heike
Rang: Gastam 10.10.2010 13:17:19
Hallo,
ich habe eine gestörte Glucosetoleranz und dafür Metformin verschrieben bekommen.
Wegen ständiger gefühlter Hypos war ich deswegen im Krankenhaus und dort wurde das so verordnet.
Früh messe ich jedoch ca. 40-50min. nach dem Essen Werte von 140-157 (Plasma) und weitere 10min. später bin ich dann auf 115-125.
Ist das noch im Rahmen oder solle ich die Metformindosis zum Frühstück erhöhen ?
Tagsüber hält es sich im Rahmen, es steigt auch langsamer an (vermutlich weil das Met. dann greift) Meine Werte am Nachmittag/Abend sind allgemein niedriger, vermutlich weil ich dann den ganzen Tag rumgelaufen bin und somit durch die Bewegung das Metformin besser wirkt.
Mein Hausarzt meinte, ich soll es probieren. Aber bevor ich "probiere" wollte ich lieber nachfragen.
Schönen Sonntag. von Heike -
Jürgen
Rang: Gastam 10.10.2010 14:41:36
Moin Heike,
ich finde ganz toll, dass Du Deinen BZ misst. Die meisten Leute in Deiner Situation tun das nämlich nicht.
Hattest Du denn auch schon mal gemessen und was, wenn Du dich hypo-mäßig gefühlt hast? Und wann war das wohl meistens, eher kurz vor oder eher ne Stunde oder 2 nach dem Essen? Oder nach viel Bewegung?
Bisdann, Jürgen -
Joa
Rang: Gastam 10.10.2010 15:01:14
Hallo Heike,
> Wegen ständiger gefühlter Hypos war
> ich deswegen im Krankenhaus und
> dort wurde das [Metformin?] so verordnet.
Wenn die Betazellen bereits überlastet arbeiten müssen, und den Insulinbedarf nicht mehr ausreichend bereit stellen können kommt es zu einer paradoxen Reaktion. Die Insulinsektretion erfolgt dann zwar verspätet, aber die Betazellen geben hintendran auch zu viel Insulin ab, so dass es zu hypoglykämischen BZ.-Situationen kommen kann.
Das ist unter dem Begriff "Sekretionsstarre" bekannt.
> Früh messe ich jedoch ca. 40-50min.
> nach dem Essen Werte von 140-157
> (Plasma) und weitere 10min. später
> bin ich dann auf 115-125.
> Ist das noch im Rahmen oder solle ich
> die Metformindosis zum Frühstück
> erhöhen ?
Das sieht eigentlich sehr gut aus. :-)
Vergleiche es mal mit den BZ-Kurven von Gesunden Probanden nach Mahlzeiten, besonders nach dem Frühstück:
ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC2769652/
figure/fig2/
;-)
Gruß
Joa
-
Heike
Rang: Gastam 10.10.2010 20:52:59
Die gefühlten Hypos waren meistens nach dem Essen. Werte dazu habe ich leider keine mehr im Kopf. Im Krankenhaus hat man mir gesagt, dass es noch keine echten Hypos sind, sondern ich sie nur so empfinde. Das Metformin sollte jetzt die Zellen empfindlicher für das Insulin machen. Teilweise habe ich aber den Eindruck, dass die Dosis vom Morgen nicht ganz bis zum Abend reicht. Überlegungen waren jetzt entweder früh die komplette Dosis zu nehmen oder einfach früh noch etwas dazu.
Meine Blutzuckerkurven scheinen soweit ganz gut hinzukommen,danke für den Link :-)
Was ich jedoch bemerkt habe ist, dass es gegen Abend hin dann meistens für ca. 1 h bei einem gewissen Wert "stehen" bleibt und dann auf einmal abfällt. Gestern z.B. war es 3h nach der letzten Mahlzeit die ganze Zeit erst bei um die 100 und dann ne halbe Std. später auf einmal bei 75 und wieder eine halbe Stunde später bei 90.
Der Blutzucker sollte sich ja aber doch dem Nüchternwert langsam annähern, oder ?
Ich habe mich auch gefragt, wie lange beim Gesunden der Nüchternwert dann erhalten bleibt oder ob der Körper dort dann auch (sagen wir mal nach 4-5Stunden) wieder den BZ etwas ansteigen lässt ? von Heike -
Jürgen
Rang: Gastam 10.10.2010 21:15:56
Moin Heike,
die blaue Kurve in der Grafik zeigt einen durchschnittlichen gesunden Verlauf nach dem Einverleiben von viel Stärke=Zucker
http://www.phlaunt.com/diabetes/16422495.php
Zwischen den Mahlzeiten sorgen gesund Leber und Nieren für ausreichend Zucker im Blut, sonst müssten gesunde spätestens alle 2 Stunden nen Happen essen, wenn sie nicht unterzuckern wollten.
Typ2-charakteristisch fehlgesteuert gibt die Leber bis zu 3mal soviel und mehr an Zucker aus, wie beim gesunden Menschen und stellt die Ausgabe vor allem auch dann nicht ein, wenn neuer Zucker gegessen wird. Und Metformin kann als Hauptwirkung laut Hersteller bis zur Hälfte der fehlgesteuert zuvielen Ausgabe verhindern.
Bisdann, Jürgen -
Joa
Rang: Gastam 11.10.2010 01:25:23
Hei Heike,
> Ich habe mich auch gefragt, wie
> lange beim Gesunden der Nüchternwert
> dann erhalten bleibt oder ob der Körper
> dort dann auch (sagen wir mal nach 4-
> 5Stunden) wieder den BZ etwas
> ansteigen lässt ?
Grundsätzlich funktioniert das in einem ganz ausgefeilten, aber eigentlich auch einfachen System.
Ab einem Blutzuckerwert von 80 mg/dl geben die Betazellen Insulin ab um den BZ nicht (sonderlich) ansteigen zu lassen.
Insulinwirkung führt zum Absenkung des BZ durch Aufnahme desselben in die Muskelzellen. Zugleich unterbricht die Insulinwirkung die Glucoseabgabe der Leber, und unterstützt dadurch in der Leber selbst auch die Aufnahme von Glucose aus dem Blut zur Umwandlung in Speicherzucker (=Glykogen).
Erreicht der BZ dann wieder 80 mg/dl, stoppt die Insulinabgabe der Betazellen.
Die Insulinwirkung lässt nach und auch die insulinbedingte Hemmung der Leber an der Freisetzung von Speicherzucker.
Dieses System ist durch die Insulinresistenz des Typ 2 Diabetikers gestört, weil die Insulinwirkung dummerweise sowohl am Insulinrezeptor der Leber- als auch der Muskulaturzellen gestört ist (=Insulinresistenz). Auch bei recht hohen Insulinspiegeln kommt nur ein Bruchteilteil der Insulinwirkung in den Zellen zum Ziel.
Was dazu führt, dass weder die Muskulaturzellen die Glucose angemessen verbrauchen, wie auch die Leber sich nicht sonderlich an der Glucosefreisetzung gehemmt fühlt.
Metformin ist ein echtes Allround-Mittelchen.
Es verbessert die Insulinwirkung in den Muskulatur- und den Leberzellen, erhöht die Fähigkeit der Betazellen zur Insulinproduktion und verlangsamt auch noch die Magen-/Darmpassage der Nahrung.
Dass Du am Abend eine etwas geringere Insulinwirkung feststellst ist nicht unnormal.
Am frühen Morgen und Abend gibt es im Körper einige biorhythmisch bedingte Hormonausschüttungen. Die Zeiträume werden Dawn und Dusk (Morgen- und Abenddämmerung) genannt. Die dann freigesetzten Hormone sind kontrainsulinär. Sie hemmen also die Insulinwirkung. Dann kommen Deine Betazellen wohl nur noch etwas gestresster mit, den dann erhöhten Insulinbedarf zu deckeln.
Sehr spekulativ würde ich denken, dass Du mal versuchen könntest mit einer zweiten Dosis Metformin, ca. 1 bis 2 Stunden vor dem Abendessen, die Insulinwirkung zusätzlich zu beflügeln.
Auch wenn Deine Werte nicht dramatisch sind, aber jede Entlastung stark geforderter Betazellen ist hilfreich um ein Fortschreiten des Betazellverlustes zu bremsen.
Gruß
Joa -
Heike
Rang: Gastam 11.10.2010 10:56:04
Guten Morgen,
erstmal recht herzlichen Dank für Eure Ausführungen. So genau hat mir das noch kein Arzt erklärt.
Am Abend nehme ich schon Metf. (immer früh und am Abend 425mg)
Wenn ich jetzt früh z.b. die Dosis erhöhen würde, würde die dann auch länger wirken oder nur stärker ? Denn das ist mir noch nicht ganz klar ?
Ist dieses "stehen bleiben" des Bz. ein Zeichen dafür, dass das Insulin nicht richtig wirkt ? Oder ist das dann "normal"
Bsp. (alle Werte in Plasma, von gestern)
vor dem Mittag 79
ca. 45min. nach dem Mittag 135
60min. nach dem Mittag 115
90min. 112
120min. 114
Danach war ich dann leider unterwegs, dass ich nicht weiter messen konnte.
von Heike -
Jürgen
Rang: Gastam 11.10.2010 11:42:26
Moin Heike,
Du startest vor dem Mittag voll im gesunden Bereich zwischen 65 und 85mg/dl, und der Anstieg nach dem Essen bleibt offenbar unter 140. Das anschließende Absinken geht ein bisschen langsam. Aber bevor ich dafür mehr Medi nehmen würde, würde ich erst einmal schauen, wie viel schneller der BZ mit etwas Bewegung in der Stunde nach dem Essen sinkt. Wenn die Oma in diesem Beispiel ein senkendes Medikament genommen hätte, wäre sie nach jedem Hundegang, mit dem ihr BZ gepasst hat, mit zu wenig wieder gekommen http://www.onmeda.de/foren/forum-diabetes/
bz-%26-bewegung/1619276/read.html
Bisdann, Jürgen -
Heike
Rang: Gastam 11.10.2010 20:44:42
Hallo Jürgen,
bewege mich eigentlich immer nach den Mahlzeiten. Nach dem Frühstück gehts los zur Arbeit , nach dem Mittag schnell nach Hause zu unseren Pferden usw.. :-)
Wenn ich den Plasmawert von 157 in Vollblut rechne, passts ja mit knapp 140 *g*
Mein Arzt hat auch Bedenken, ob ich mit mehr Metformin dann nicht insgesamt zu tief komme (von den Werten her)
Denn soweit liege ich ja im Zielbereich.
Dieses "stehen bleiben" ist dann wohl diese Sekretionsstarre ?
Ich bin froh das ich das selber messen kann, obwohl es mir untersagt wurde. Aber so weiß man doch eher bescheid und bevor ich unnötig Tabletten schlucke ... danke euch lieb. von Heike -
Jürgen
Rang: Gastam 11.10.2010 21:58:34
Moin Heike,
Beta-Zellen werden von der Glukose im Blut zum Insulin-Ausgeben bewegt, wenn die Glukose-Menge so etwas wie die persönliche Grundlinie überschreitet. Die liegt gesund irgendwo zwischen 65 und 85mg/dl. Sekretionsstarre meint nun ursprünglich, dass die Typ2-geschädigten Beta-Zellen auf diesen Glukose-Anreiz nicht mehr so einfach reagieren, sondern eben starr weiter ihren Trott gehen. Tatsächlich reagieren sie ja noch, aber auf deutlich höhere Glukose-Werte.
Missverständlich wird der Begriff Sekretionsstarre dann auch als Erklärung für das häufig beobachtete Phänomen gebraucht, dass der BZ nach dem Essen zunehmend höher als normal ansteigt und anschließend steil bis unter die Unterzuckergrenze abfällt. Diese Blutzucker-Bewegung kommt daher, dass die Glukose-Regelung der Beta-Zellen nur zur Steuerung kleinerer BZ-Unterschiede eingerichtet ist. Je größer und plötzlicher die auszugleichenden Mengen ankommen, desto verzögerter reagieren auch völlig gesunde Betas.
Aber für plötzliche größere Mengen neue Glukose nach dem Essen werden die Beta-Zellen gesund nicht vom ansteigenden Blutzucker angesteuert, sondern von einem Darmhormon-Team, das immer passend bei ihnen Insulin bestellt, wenn neue Glukose aus dem Darm in den Blutkreislauf übergeben wird. Diese Art der Bestellung wird als Inkretin-Effekt bezeichnet. Und so treffen sich dann die Glukose und das zugehörige Insulin in der Pfortader auf dem kurzen Weg in die Leber und werden dort sofort zum größten Teil verwurstet, so dass die meiste Glukose und das meiste Insulin gar nicht erst auf den Weg durch den ganzen Organismus geht.
Mit beginnendem Typ2 verschwindet immer mehr von diesem Inkretin-Effekt und immer mehr Glukose wird zunächst auf den Weg durch den ganzen Organismus geschickt, bis die schließlich bei den Betas ankommt und die dann eben selbst zu mehr und in der Menge schließlich häufig auch ein bisschen zu viel Insulin-Ausgabe anstoßen kann.
Wo Du selber misst, kannst Du ja auch direkt über die Zusammensetzung und Portionsgröße Deiner Mahlzeiten steuern, dass Dein Blutzucker etwa 1 Stunde nach dem Essen unter 140 bleibt und auf die Weise hoffentlich noch lange mehr Medis und damit häufig auch mehr unerwünschte Wirkungen vermeiden :-)
Daumendrück, Jürgen